Düsenjäger im Trickster

duesenjaeger-0f9d429d-bb05-4dd6-8765-98f226ec4531Diesen Samstag spielten zwei Bands im Trickster1. Die erste hieß Kunstkacke, und machte ihrem Namen große Ehre. Ihr wisst ja alle, was Kunstkacke ist. Das ist, wenn Leute disharmonisch und unrhythmisch kopflastigeTöne und Klänge machen, die niemanden wirklich berühren. Was ich schade fand war, dass die Zuschauenden ein bisschen ehrfürchtig auf einen emotional-elektrischen Stromschlag warteten. Das wäre aber nach meiner Defintion keine Kunstkacke mehr, sondern emotionale Kunst. Kunstkacke muss Spaß machen. Man darf zum Beispiel Dinge hineinrufen, wie „Ja, Mann!“, oder „BraVO!“. Bei „BraVO!“ muss die letzte Silbe betont werden, sonst ist es keine Kunstkacke. Vor allem sollte man aber mitmachen. Es machten auch einige mit – die Trickstertröte (ein elektrisches Horn, das auf Knopfdruck ein tiefes „DRÖÖÖÖÖ“ von sich gibt) leistete gute Dienste. Ich bin der Meinung, dass das der Band gefallen hat. Dass sie ständig Sätze riefen wie:„hört mal auf ihr Arschlöcher, wir versuchen hier Kunst zu machen“, oder „was ist denn los mit euch, ihr Wichser?“ gehörte offensichtlich zur Performance.
Nach Kunstkacke spielten The Dolphins. Eine hervorragende Band! Don meinte zwar, das würde sich völlig nach „Sonic Youth“ anhören, aber der hatte auch schlechte Laune. Ich kann auch nie wirklich ausdrücken, was die Musiker mit mir machen. Ich hatte nur die Augen zu, und ich merkte, dass die Musik in mir heftige Gefühle auslöste. Die Gitarre war teils verzerrt, und so was wie ein Hall war mit eingebaut. Dazu schlug der Schlagzeuger nen lockeren, altbekannten Beat, der zu der Musik passte, wie es zum Beispiel passen kann wenn man sich beim allerbesten Sex nebenher grinsend unterhält. Der Kontrast zwischen Lockerheit und Intensität verstärkt beides und treibt einen zu einer tiefenentspannten Raserei. Noch besser wurde es, als die Sängerin dazu sang, als käme sie gerade von einer Reise aus dem Schattenreich, wo sie etwas Großes, Düsteres, Geiles getroffen hatte. Ich bewegte meinen Oberkörper zur Musik vor und zurück, während ein schwarzes Feuer mich schüttelte.
Es fühlte sich so gut an, und ich drehte mich um, um zu sehen ob die anderen das Gleiche fühlten. Ich war aber der einzige, der nur halbwegs tanzte. Die meisten wippten zwar mit dem Kopf oder mit dem Fuß, und sie grinsten durchweg, aber es hatte sie offensichtlich nicht so berührt wie mich. Das war dann schon ganz schöner Abturner. Eine Frau schräg hinter mir, der wohl kalt war, – sie hatte ihren Regenmantel an – war mir vorhin schon aufgefallen, weil sie süß war. Sie hielt sich mit schiefem Mund an ihrem Staro fest und bewegte ihren weiß getupften Rock im Rhythmus vor und zurück und starrte gebannt auf die Videos, die an die Wand gestrahlt wurden. Ich nahm das zum Anlass, nicht weiter abgeturnt zu sein, nahm darum noch nen Zug von meiner Pfeife und konzentrierte mich auf die Videos. Es waren Bilder von F-16 Düsenjägern, die ganz dicht über der Oberfläche dahinjagten. Ich finde Düsenjäger eher ungut, weil die i.d.R. Leute bombardieren und zerfetzen, und ich finde ja immer, man sollte doch eher Frieden auf Erden haben und mehr Liebe und Bäume und Tanzklubs, als so Scheißdüsenjäger. Aber die Bilder waren schon krass! Mir ist nicht klar warum, aber ich spürte diese unglaubliche Energie und Eleganz, mit der die Dinger dahinjagten.
Ich schaukelte also tief berauscht vor und zurück und kam mir dabei ein bisschen blöd vor, weil die Musik mich so packte, dass ich die Augen verdrehen musste bis nur noch das Weiße zu sehen war, weil es mich sonst zerrissen hätte, um mich rum aber weiterhin alle nur vor sich hin wippten und über weiß Gott was grinsten. Wieder etwas abgeturnt schaute ich links neben die Band auf die Masken der Trickstergötter, die aus Plastikeimern gemacht sind, mit Glühbirnen als Augen, die ich schon lange mal wieder auswechseln wollte, damit sie wieder leuchten.
Dann blitzte es plötzlich durchdringend im Raum. Ich hasse Leute, die bei Konzerten mit Blitzlicht fotografieren. Blitzlicht macht alles hässlich. Wie will man denn die Kraft und Emotionalität eines Konzertes festhalten, wenn alles in ein grelles, ekelhaftes Licht getaucht wird, und jeder Pickel kränklich aufleuchtet?
Ich drehte mich um, um den Blitzlichtidioten böse anzugucken, aber ich sah plötzlich keine grinsenden Wippgesichter mehr, sondern irritierte Stehgesichter. Die Frau im Regenmantel machte einen umgedrehten U-Mund, klammerte sich noch mehr an ihrem Bier fest, und tippelte ein paar Schritte rückwärts, vorbei an zwei Leuten, die aussahen wie Spanier, die gerade zusammen mit 30 anderen, sehr ähnlich aussehenden Spaniern hineingekommen waren. Die Jungs trugen alle weiße und gelbe und blaue Polohemden oder Fußballhemden oder weiße Feinripphemden mit hochgestelltem Kragen. Ihre Haare waren allesamt mit Gel oder sonstwas behandelt, verwuschelt und die Hälfte hatte Beckham-Iros. Die Frauen trugen 80er-Kleider, Leggins und Nenafrisuren, und wirklich jeder einzelne der Reingekommenen hatte ein Fotohandy in der Hand und sie lachten mit weißen Zähnen und sie machten Fotos, und sahen aus, als würden sie gerade die Elefanten im Zoo anschauen. Die ganze Gruppe bewegte sich um eine kleine Frau mit riesiger Rose in der Nenafrisur herum, wie eine Strudel um seinen Mittelpunkt.
Diese stand nun etwas zu dicht neben der Frau im Regenmantel, und rief den anderen etwas zu, das sich anhörte wie „Sabbrikka ensessaada! Kuloh!!“. Dann blitzte es in einem Strom, als würde der Raum bombardiert. Die Touristen hielten ihre Handies in Augenhöhe und fotografierten und betatschten den Trickster. Eine rundliche Spanierin in weiß, schwarz und Goldglitter kam auf mich zu, lachte breit, kniff mir in die Wangen und meinte „Come oooon, just relax, we are nice people!“. Dann klapste sie mir auf den Po und stieb lachend zur Bar hin, um Nova zu fragen, ob es Jägermeister gäbe, ob es Tequila gäbe, ob es White Russian, Becks oder Jim Beam gäbe (Gibt es alles nicht). Der frischgewaschene, strahlende Pulk versammelte sich nun vor der Bar, die Band hatte Mühe den Rhythmus zu halten, alle schauten irritiert und entsetzt. Weiter hinten sah ich Don das Fenster aufmachen, hinausschauen und mir zuwinken. Dann zeigte er auf einen Tourbus, der sich genau vor den Trickster gestellt hatte. Ich konnte darauf einen Schriftzug teilweise erkennen: „BUT – Berlin Underground T…“. Den Rest konnte ich nicht erkennen, aber es hieß wohl „Tours“.
Während die Band weiterspielte, beobachtete ich wie gebannt die Szene an der Bar. Nova hatte mit kerzengerader Körperhaltung die Arme verschränkt, und schaute stolz nach links oben, und weigerte sich, die Touristen zu bedienen. Dabei blitzten ihre Augen wie tödliche Klingen. Keiner traute sich, sich ihr zu widersetzen, bis auf Hakim, der versuchte, sie in eine Diskussion darüber zu verwickeln, ob es denn in Ordnung wäre, Leute schlecht zu behandeln, nur weil sie hässliche Touristen mit Poloshirts und Nenafrisuren sind.
Die Dophins spielten weiter. Tatsächlich spielten sie gerade ein Lied, in dem sie alle möglichen „Assholes“ aufzählten. Ich drehte mich zu ihnen. Sie sangen:

Assholes with flanell shirts
Assholes with polo shirts
Assholes with Harvard shirts
Ahaha! Ahaha!

Während sie das sangen, spielten sie fiebrig-zornige Gitarrenriffs – ich hoffe, das nennt man so – und dabei starrten sie die Eindringlinge vorwurfsvoll an, die ihnen das Konzert veruncoolt hatten.
Die einheimische Menge begann befriedigt zu johlen, während die Touristen aus Unwissenheit ein dümmlich lachendes Blitzlichtgewitter aufleuchten ließen.
Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Eigentlich bestand ich immer stolz darauf, xenophil zu sein, aber so ging’s ja nun doch auch nicht! Dann begannen ein paar von ihnen auch noch uncool zu tanzen. Lieber gar nicht tanzen als so tanzen! Sie tanzten, als ob tanzen etwas wäre, was nur von außen kommt und nicht von innen.
Darüber dachte ich nun bekifft nach, als plötzlich die Musik ausging, das Licht anging und die Hupe durchdringend und disharmonisch trötete. Don hatte einen hochroten Kopf und drängte lautstark brüllend die Frau mit der Rose und einen der Polohemdenträger in Richtung Ausgang.
Die anderen Touristen schauten nur verwirrt, schienen sich aber nicht zu sehr an der groben Behandlung zu stören. Vielleicht hatten sie damit auf Grund ihrer Kenntnis des Nationalcharakters der Deutschen schon gerechnet. Weich wie süße, flüssige Butter ließen sich sich in einer frischgewaschenen, blitzlichtgewitternden Nenawuschelhaarpolokragenfotohandyturnschuhtraube lachend und feixend zur Tür hinausschieben.
Als sie draußen waren, drehte Don die Musik wieder an, aber die Leute von den Dolphins winkten ab – sie waren schon entnervt dabei, ihre Sachen zu packen. Die Sängerin brummelte etwas von „Scheißtouristen“. Der Don legte also angepisste Punkmusik auf, die meisten Leute gingen, inklusive der Frau mit dem Regenmantel.
Ich ging zur Bar, und hörte der angespannten Diskussion zwischen Nova und Hakim zu, die weiter darüber über die moralische Frage diskutierten. Nova holte gerade Kant hervor, während vor meinem inneren Auge die Düsenjäger dahin jagten.

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