Medea

(angelehnt an das antike Drama „Medea“)

Bild: Wikimedia Commons

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„Er ist mir egal!“ Medea blickte mit weit aufgerissenen Augen ins Leere. Ohne dass sie ihre Lieder schloss, trat ein eine einzelne Träne hervor, kullerte langsam an ihren schrecklich dunklen Augenringen vorbei. Dann verfing sie sich in einer Falte, die wie mit dem Bügeleisen an der Nase vorbei gezogen schien. Julia, die Medea kerzengerade, mit eng an den Körper gepresst Armen gegenübersaß, starrte auf diese Träne und die Bügelfalte. Mit saurem Magen grub sie in einer tiefen, dunklen Kiste voller Medea-Erinnerungen, wann diese Falte entstanden war.

„Er is mir scheißegal! Mir geht’s gut!“ Sie blickte nun wieder Julia an. „So gut wie ihm! Ich hab‘ ihn gesehen, er sieht gut aus!! Gesund!“. Es wirkte theatralisch, wie sie mit zittrigen Fingern die Spur entlang fuhr, die die Träne gezogen hatte. Dabei wirkte nichts daran gespielt. „Ihm geht’s gut! Und dieses Weib – sie sah auch – gut -aus. Sie haben gelacht.“, sagte sie fast unhörbar. Julia konnte sich nicht konzentrieren. Sie dachte über die Herkunft dieser Falten nach.
„Bestimmt lieben ihn die Frauen!“ Sie wurde wieder lauter, schrill. „Aber mir geht’s auch gut! Wirklich!“ Medeas Augen fixierten Julia nun, und sie schauten gleichzeitig in ein glasiges Nichts. Es war wie in ein schwarzes, eisiges Feuer zu blicken.
Aber es war doch nun schon ein halbes Jahr her! Und erst letzte Woche hatte Medea noch erzählt, dass es endlich besser wurde, besser, nachdem sie Monate lang auf ihre Liebe mit einem Stock eingeschlagen hatte, wie auf ein nicht sterben wollendes, brüllendes Lebewesen, und dass sie nun endlich, endlich verreckt war, diese Liebe. Aber sie war wohl nur betäubt gewesen. Ohnmächtig.
„Ich verstehe nur nicht, wie es passieren konnte… ich dachte alles wäre in Ordnung… . Und jetzt… . Klar hatten wir Probleme, aber das haben doch alle! Ich bin doch nicht verrückt…“ Medea begann wieder kaum hörbar zu flüstern, als ob sie zu sich selbst spräche. Eigentlich wusste Julia aber, was Medea sagen würde. Es war seit Monaten die gleiche, unendlich ermüdende Platte. – Sie verstand nichts mehr. Über Nacht hatte sich ihre Welt auf den Kopf gedreht.
„Ich hätte es nicht gedacht! Wir haben uns doch SO GELIEBT!“ Aus den letzten, ebenfalls schon hunderttausendfach wiederholten Worten, tropfte Hoffnung, wie süßer Saft aus einer reifen Honigmelone; aber jeder dieser funkelnden Tropfen verwandelte sich auf dem Weg zum Boden in einen kleinen, grauen Albtraum.
„Medea…“ Julia fasste Medeas vertraute Hand, die aber nur da lag, als ob sie nicht zu ihr gehören würde. Es brach ihr das Herz. Und sie machte sich Sorgen!
„Vielleicht geht’s ja doch nicht? Ich weiß nicht… . Dass es ihm so gut geht, das geht nicht!Das geht nicht!“ Julia schaute Medea so mitleidig an, wie sie nur konnte.
Und da geschah etwas.
Etwas in Medeas Körper machte ‚Klick‘. Plötzlich war etwas anders. Medeas Blick wurde wieder klar. Das Fieber erlosch. Sie schien wieder zu sich zu kommen. Das war gut. Oder?
„Medea… . Damit musst du leben. Ich hatte das auch schon, mit Kristoffer … . Das ist Teil des Lebens. Es ist so… . Die meisten Beziehungen enden mal … und …“
„Ja!“ Ihre Worte rollten an, wie ein abfahrender Zug. „Die meisten enden mal. Aber nicht so. Er muss mich angelogen haben. Er hat mich in eine Falle gelockt. Du kennst mich, Julia? Ich merke, wenn was los ist. Ich bin nicht blöd oder verrückt.“ Sie brachte das vor, wie zwingende, logische Argumente. Wie Fakten.
Es stimmte, Medeas „soziale Kompetenz“ war hoch, wie man auf Julias Arbeit im Pflegebereich zu sagen pflegte. Sie verstand das auch nicht. Die beiden hatten so innig gewirkt. Sie kannte kein Paar, das sich so geliebt hat. Und die Kinder…. !
„Du bist auch nicht verrückt, Medea… aber… „
„NEIN!! Bin ich auch nicht!!!“ Mit einem Ruck hatte Medea ihre sehnige Gestalt kerzengerade aufgestellt.
„Bin ich auch nicht!“ wiederholte sie, während auch die Farbe in ihr Gesicht zurückkehrte, was Julia merkwürdigerweise noch mehr beunruhigte.
„Naja…“
„So geht’s auf jeden Fall nicht! Er kann so nicht davonkommen. Wir haben zu lange alles geteilt. Wir haben uns zu lange geliebt! GELIEBT!! Julia!!“
Julia lief ein Schauer über den Rücken.
„Ist alles klar, Medea….. ?“ So eine blöde Frage, dachte sie. Als sie sich eine Strähne zurückstrich merkte sie, dass nun ihre eigenen Finger zitterten .
„So eine blöde Frage! Natürlich!“ Medeas Stimme war ganz ruhig. Als ob sie mit einem Schlag Frieden mit der Welt gemacht hatte.
„Ich hab die Lösung. Ich würde jetzt gerne Zeit alleine mit meinen Kindern verbringen!“
Medeas bestimmende Körpersprache zwang Julia förmlich aufzustehen. Sie nahm ihren Mantel vom Sofa. Daneben lag ein grünes Playmobilmädchen, mit Röckchen, langen Haaren und geschminkten Augen, ansonsten aber identisch mit den Originalen: den Männchen.
„Ok…. . Medea… bist du ok?“
„Nein Julia, weil es ungerecht ist. Weil es nicht fair ist! Aber im wirklichen Sinne: ‚nicht fair!‘. Im tieferen Sinne… . Verstehst du?“
„… ich weiß nicht… es fühlt sich eben sehr krass an…? .. also sehr, SEHR krass?“
Mit einem abschätzigen Lächeln seufzte Medea.
„Ja! ‚Krass‘!“ Medea rührte sich nicht, schaute nur. Julia schaute unsicher zurück. Ein Rauswurfsblick aus Eisen!
„Also… ich geh dann mal.“
„Ja.“

Die Abschiedsumarmung war kurz und hart gewesen. Im Hausflur, beim Runtergehen, kramte Julia in ihrer Daunenjacke, suchte nach ihrem Handy. Vielleicht sollte sie Tim anrufen? Sie wusste nicht mal, ob sie seine Nummer noch hatte.
Vor dem Haus blieb sie stehen und suchte ihre Adressliste durch. Unter „Tim“ stand nichts. Eine gelbe Tram fuhr vorbei. Sie fand seine Nummer unter „MedeasTim“. Sie rief ihn an, und nach anfänglichem Zögern und Zicken verabredeten sie sich im Misclivska, in der Schlesischen Straße.
Die Tram war gerade vorbei, und auch auf die U-bahn musste sie warten.
Sie sah ihn schon von weitem draußen sitzen. Er trug eine dicke Jacke und trank irgend etwas Dampfendes.
„Hi Tim.“ Sie reichten sich die Hände.
„Medea geht’s schlecht!“
„Ja!“ Er verdrehte die Augen. Das nervte Julia.
„Warum verdrehst du die Augen?“
„Weil ich WEISS, dass es ihr schlecht geht! Ihr geht’s schon seit Monaten schlecht! Es hört gar nicht auf, mit dem schlecht gehen, verdammte Scheiße! Weißt du denn, wie ich mich fühle?“ Er beugte sich mit weit hochgezogenen Augenbrauen nach vorne. Seine Stirn lag in Falten. „Wie scheiße, dass ausgerechnet ich gerade ihr so wehtun musste… . Was ist denn jetzt so wichtig? Gibt’s was Neues, vielleicht?“
Julia hatte den Ausbruch mit zusammengezogenen Lippen und schrägem Blick zugehört, was ihre Genervtheit ausdrücken sollte.
„Ich hätte dich nicht angerufen, wenn es nicht wichtig wäre! Die ist ganz komisch, und wir müssen uns um sie kümmern! Die hat dich doch kürzlich mit irgendeiner Frau getroffen…“
„Hä? Was für ne Frau? Da ist keine Frau! Ich kann auch wegwollen, ohne ne andere Frau! Du weißt, wie empfindlich sie ist. Ständig hat sie sich angegriffen gefühlt, und dann hat sie mich angegriffen, mit Worten! Mit Schuld! Ich konnte das nicht mehr! Schuld ist genau so eine Waffe wie Faust und Knüppel, weißt du?! Es war Selbstverteidigung! Ich musste weg!“
Julia dachte, dass Tim wirklich attraktiv war. Er hatte sanfte, sehr wache Augen, seine Hände, die gerade miteinander rangen, waren groß und schön.
„Ihr! Geht’s! Schlecht! Wir müssen hin. Vielleicht die Psychiatrie anrufen. Ich weiß nicht mal, ob die Kinder bei ihr sicher sind. Die war ganz komisch!“
Als Julia die Kinder erwähnte, wurde Tim bleich.
„Ja… . Ach verdammt, ich wollte ihr doch nicht wehtun… Verdammt! Es tut mir doch leid…“
Auch Tim schien neue Falten bekommen zu haben. Er war schon aufgestanden. Legte einen Fünfeuroschein auf den Tisch, eine Geste, die Julia bisher nur aus Hollywoodfilmen kannte, und schob knarzend einen Stuhl zur Seite, um vorbeizukommen. Die Sache mit den Kindern hatte sofort gewirkt. Obwohl es auch recht beunruhigend war, wie schnell er ihr glaubte, dass die Kinder in Gefahr sein könnten. Sie mussten zurück zu Medeas Haus! Schnell!

Währenddessen hatte Medea einige Informationen aus dem Netz geholt, war kurz in der Apotheke gewesen, hatte noch aufgeräumt, hatte Milly begrüßt. Die kam strahlend von der Schule, ihre langen blonden Haare wehend, ihr blauer Blick aber verkümmerte, als sie ihre Mutter sah.
Mit einem merkwürdigen Lächeln, das so wirkte, als zeigte es eher einen Riss in einer Seele, als einen lächelnden Mund, erklärte Medea Milly, dass sie sie und Kevin in deren Zimmer sprechen wolle. Milly gehorchte sofort, was nicht ihre Art war.
Kevin war schon im Zimmer, saß nur da, und guckte irritiert. Um ihn herum lagen verstreut Playmobilfiguren und ein Piratenschiff. Entgegen ihrer Gewohnheit nahm Milly Kevin in den Arm. Entgegen seiner Gewohnheit nahm er die Umarmung an.
Medea kam rein. Sie war totenbleich. Sie setzte sich gegenüber auf einen schiefen Schreibtischstuhl. Alle drei schauten sich an.
„Milly, Kevin! Ihr wisst ja, dass ich euch liebhabe!“
Allgemeines Nicken.
„Und ich würde alles tun, um euch zu beschützen!“
Nicken.
„Ihr seid zu jung um das zu begreifen, leider…, aber….“ Rotze und Tränen rannen über Medeas Wangen und Mund und Kinn. Sie wischte einen Teil davon mit der Handinnfläche weg und verrieb es auf ihrem Ärmel.
„Die Welt ist so… Manchmal muss man Opfer bringen, um sie ins Gleichgewicht zu bringen…“
Beide nickten unsicher.
„Und ihr seid die Menschen auf der Welt, die mir am wichtigsten sind. Neben Papa! Das wisst ihr?“
Nicken.
Medea stand auf. Ihr Körper war so straff gespannt, wie ein Mastseil im Sturm. Sie zog umständlich ein Fläschchen aus der Hosentasche und schüttelte die weißen Flocken, die darin dicht schwammen, auf.
Dann nahm sie Kevins Spongebob-Figur, die die er am meisten liebte, und drückte sie ihm in die Arme.
Sie nahm sein Gesichtlein sanft zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger, und küsste ihn ganz langsam auf den Mundwinkel. Er schmeckte salzig.
Dann trank er. Ohne Widerspruch. Auch Milly trank. Alle drei weinten nun. Milly war ein Stück weggerutscht. Sie schien schon schläfrig zu werden. Das Mittel sollte schnell wirken. Medea musste den richtigen Moment abpassen, in dem sie beide nichts mehr spürten, aber bevor sie alles wieder ausgekotzt hatten.
Kevins Kopf sackte leicht gegen das Holz seines Bettes. Sein Nacken schien zu schwach sein, um seinen Kopf zu tragen. Seine Augen öffneten und schlossen sich sehr langsam.
„Mach die Augen zu, Milly!“ befahl Medea mit brechender Stimme.
Der Draht, den sie um Kevins Hals legte, roch nach Metall, was sich mit Kevins Aprikosenduft biss. Sie legte den Draht über Kreuz. Wenn man das nicht tat, konnte man nicht die nötige Kraft entwickeln, wie sie recherchiert hatte.
Tief dämmerungsblaues Licht fiel durch das Fenster. Die Haut der drei Gestalten schimmerte weiß. Von Milly war nichts zu hören. Die wollte die Augen öffnen, Kevin ansehen, ihm in die Augen sehen, ihm helfen. Aber die Lieder waren zu schwer. Von Kevin hörte man nichts. Wie durch eine Wand hindurch hörte Milly nur, wie ihre Mutter heulte, und gleichzeitig vor Anstrengung knurrte, immer wieder aufhörte, immer wieder Kevin zuflüsterte, wie sehr sie ihn liebte. Milly hörte, wie ihre Mutter seinen kleinen Kopf mit Küssen bedeckte, und wieder ansetzte, knurrte, und in panisches Kreischen überging, als von Kevin doch ein sehr leises aber hohes Quieken zu hören war.
Dann hörte Milly ein Knacken, dass so hässlich war, dass sie sich im nächsten Moment übergeben musste. Grunzend kam ihre Mutter zu ihr und legte auch ihr die Schlinge um den Hals.

Als Julia und Tim das Treppenhaus hochliefen, hörten sie schon ein merkwürdiges Geräusch. Ein tiefer Ton, der immer wieder abbrach. Vor Medeas Tür waren Nachbarn versammelt. Diese hatten vor 10 Minuten die Polizei gerufen, die aber noch nicht da war. Tim schloss auf, es roch nach Kotze und Scheiße. Dann drängte er entschlossen die Nachbarn zurück und stürmte mit Julia in die Wohnung. Der abbrechende, tief vibrierende Ton kam aus dem Zimmer der Kinder.
Entsetzen hatte beide mit eiserner Faust am Herzen gepackt. Sie rührten sich nicht. Julia kamen Bilder vor Augen, was denn passiert sein könnte. Aber sie drängte sie weg. Das konnte nicht sein. Das war Quatsch. Angstbilder vom Fernsehen eingeimpft! Medea war ein guter Mensch. Das konnte nicht sein.
Plötzlich machte Tim einen Riesensatz, riss die Tür auf und sah, wie Medea auf dem Boden saß, und mit versagender Stimme brüllte. Die Augen waren zur Decke gerichtet, dadurch war nur das Weiße zu sehen, die Haare offen, zerzaust und abstehend, Büschel davon lagen um sie herum. Sie hatte die Köpfe beider Kinder in ihren Schoß gelegt. Und sie brüllte, inzwischen stumme Schreie.

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