Wie Reggae und ein Typ namens Atilla mich zum Linken gemacht haben

Ich hatte also eine Zeit, in der ich Sympathien für rechte Ideen hatte. Und doch bin ich ein Linker geworden. Und zwar recht ausdauernd. Wie kam das? Weil ich nach langer, präziser Analyse von Weltlage und Menschheitsgeschichte verstanden habe, dass die linken Sichtweisen die klügeren sind. Spaß! In Wirklichkeit war meine Entscheidung hauptsächlich gefühlsgetrieben. Klar habe ich analysiert und nachgedacht. Aber Gefühle haben eine entscheidende Rolle gespielt.

Die Erleuchtung

Ich hatte dabei ein echtes Erweckungserlebnis. Meine beiden Kumpels und ich waren zu Besuch in Atillas WG. Atilla hatte gutes Gras. Er war etwas älter als wir und ein beeindruckender Typ. Mit langen, lockigen Haaren und einem schlanken, braungebrannten Körper. Er lief meistens Barfuß und trug rote Stoffhosen. Atilla war gleichzeitig sehr direkt und sehr freundlich. Eine Kombination, die ich heute noch gut finde und die selten zusammenkommt. Es waren noch mehr  Leute zu Besuch. Wir saßen mit überkreuzten Beinen auf alten Perserteppichen oder direkt auf dem alten Dielenboden. Der Raum leuchtete in diesem warmen Licht, das nur viele Kerzen erzeugen können. Die Musik von Bob Marley war zu hören. Exakt so laut, dass man wählen konnte, ob man sich entspannt unterhalten möchte 0oder sich der Musik hingeben. Ich tat Letzteres. Bob Marley war mir damals noch neu. Oder vielleicht hörte ich seine Musik auch nur zum ersten Mal bewusst. Sie war so gut! Der Rhythmus entspannte und energetisierte mich gleichzeitig. Bekifft empfindet man Einsichten besonders stark. Und wie Bob Marley vom „Rat Race“ sprach, das erklärte mir so viel: Er beschreibt darin die menschliche Gesellschaft als ein Rattenrennen: einen dummen und entwürdigenden Konkurrenzkampf, in dem Menschen gegeneinander antreten, obwohl sie sich eigentlich gegenseitig helfen könnten. Tatsächlich haben wir alles, was wir brauchen, aber wir nehmen es uns nicht: „In the abundance of water, the fool is thirsty“. Stattdessen bleiben wir in diesem Hamsterrad, das uns so quält. Ich spürte in diesem Moment die überwältigende Tragik der menschlichen Erfahrung. Und es ist ja wahr: Die Welt könnte so schön sein, wenn wir es nur so einrichten würden. Gleichzeitig mit dieser Tragik fühlte ich eine große Freundlichkeit und Zuversicht. Eine „abundance of water“.

Es ist nicht einfach, zu beschreiben, wie mich das damals bewegt hat, ohne abgedroschene Bilder zu benutzen. Ich sah ein Licht. Das hatte die Farbe von hellem Kerzenlicht. Alles fühlte sich richtig an. Natürlich verstärkt durch den Kiffrausch. Aber ich denke nicht, dass ich etwas halluziniert habe. Es war real. Ich habe etwas verstanden und gefühlt, was ich zum Teil heute noch fühle und nachvollziehen kann. Der Kiff hat es nur verstärkt. Die Erfahrung hat eine Tür geöffnet. Und da war diese Vision davon, wer ich bin, wer wir als Menschen sind und wohin wir gehen könnten, wenn wir uns nur richtig entscheiden würden. Eine Vision des guten Lebens. Natürlich und artgerecht hätte ich das damals genannt. Das gelassene „Takka! (Pause) Takka! (Pause) Takka!“ des Reggae machte diese  Wahrnehmung noch körperlicher. Es war Medizin für mein bedrängtes Ich. Diese Vision zeigte mir einen Gegenentwurf zu einer seelenlosen Welt. Wo die Häuser harte Kanten haben und die Flächen im Sonnenlicht zu grell leuchten. Wo Autos dröhnen und drohen und die Lebenswege zerschneiden. Wo wir in der Schule über viele Jahre antrainiert bekommen, dass wir in Konkurrenz  zueinander stehen. Wo man bei der Arbeit ausgenutzt wird. Die Welt so, wie wir sie eingerichtet haben, passt nicht zum menschlichen Körper und zum menschlichen Seelenleben. So habe ich das damals unmittelbar und körperlich gefühlt. Ok, da hört man schon den Rausch raus. Aber es ist schon was dran, auch wenn es etwas abgespacet klingt.

Heute fühle ich die  Misere unserer Welt nicht mehr so direkt. Ich habe Wege gefunden, selbst besser damit klarzukommen. Ich würde die großen Probleme außerdem anders beschreiben, eher: Klimakrise, Armut, Kriege. Und ich sehe heute sehr viel Gutes in unserer Gesellschaft, im immer noch existierenden Sozialstaat, im Gesundheitssystem, im Rechtsstaat, in der Tatsache, dass die meisten Menschen gut und anständig miteinander umgehen. Und ich verstehe, dass gerade die Frage nach der Veränderung des Ganzen deutlich komplizierter ist, als es mir damals schien.

Dennoch: Es war nicht nur ein bekiffter Moment. Ich fühle die Wahrheit meiner früheren Einsichten im Kern immer noch.  In Atillas WG habe ich etwas  Reales verstanden. Dass wir die Welt liebevoller und klüger gestalten sollten und dass das auch möglich ist. 

Atilla und seine Freunde waren supernett zueinander. Ich kannte das so, dass man immer ein bisschen aufeinander herumhackt, gerade unter Freunden. Jeder Witz musste immer eine Spitze haben, dadurch zeigt man sich Vertrautheit. Die machten das anders. Sie gingen wohlwollend miteinander um. Sie gaben sich gegenseitig Komplimente, waren solidarisch. Und das fühlte sich so richtig an. Atilla und seine Freunde waren Linke. Sie waren irgendwie mit der „Zelle“ verbunden, dem immer noch existierenden autonomen Zentrum von Reutlingen. Und so hat das damals für mich angefangen.

Es soll hier allerdings nicht so rüberkommen, als wäre ich vorher rechts gewesen und dann nach einem Joint bei Atilla plötzlich links. So war es nicht. In mir lebten damals teils widersprüchliche Ansichten nebeneinander. Völlig normal. Damals begann ein langer Prozess mit einer Vision vom richtigen Leben. Mein Gefühl ging voran, meine Gedanken folgten.

Dagegen die Rechten…

Dann waren da noch die Rechten. Vielleicht hätte ich ja eine ähnliche, rechte Vision vom richtigen Leben haben können. Vielleicht eher eine von einer guten, gesunden Vergangenheit, in der Frauen noch Frauen und Männer noch Männer waren und eine gesunde Dorfgemeinschaft gesund und kraftvoll zusammenarbeitete, nebenan der tiefe Wald. Grundsätzlich bereit für so eine Vision war ich jedenfalls. Aber tatsächlich fehlte mir da ein bisschen die Liebe. Die Rechten waren oft nicht so netten Typen.  Ich kannte damals Leute aus allen politischen Richtungen. Das ist wohl meistens so, in kleineren Städten. Zumindest war es in den 1990ern so. Es gab eine Reihe von Orten, wo sich die Kleinstadtjugend lagerübergreifend traf. Beispielsweise bei Feiern auf  einer Hütte im Wald. Das klingt für mich heute gut und richtig: Die Jugend kommt zusammen und feiert gemeinsam. Ganz so lagerlos und frei war das damals allerdings nicht. Gerade die Rechten galten als stressige Typen, die bei diesen Feiern dazu neigten, besoffen herumzubrüllen. Oder sie haben sich geschlagen.  Beispielsweise erinnere ich mich an eine Nacht im Wald, zu der eine Gruppe  Psychobillies auftauchte. Junge Männer mit harten Spitzentollen, Lederjacken und engen Jeans. Zwei von ihnen hatten ihre Jacken  und T-Shirts ausgezogen. Nacktoberkörperig und tätowiert schlugen sie sich.  Sie trugen Stiefel mit Stahlkappen und der eine war bekannt dafür, Kickboxer zu sein. Der trat dem anderen so heftig in die Rippe, dass man ein lautes „Plaff!“ hörte. Der Unterlegene klappte zusammen. Er war anschließend in seiner Ehre gekränkt, hat darum immer mehr getrunken und verspürte dann den Drang, unfassbar betrunken beliebig Leute zu schubsen und anzubrüllen. Mich auch.

Ich kannte auch welche persönlich. Frank zum Beispiel, von der Schule. Der hatte sich irgendwann zum Rechten entwickelt. Bis 14 galt er eher als großer, netter Junge, der sich mehr wehren sollte, wenn andere zu ihm gemein sind. Dann fand er Freunde bei ein paar Älblern. Die galten als die Hinterwäldler unserer Region. Und sie waren rechts. Ich glaube, er hat bei ihnen Loyalität und ein ausgeprägtes Wir-Die-Denken gefunden. Und das hat ihm erst mal sehr gut getan. Er begann, sich einen Vokuhila zu schneiden, wuchs innen und außen und verwandelte sich mit Zeit zu einem richtigen Schrank mit grimmigem Blick. Er machte immer ein Riesending daraus, dass er viel Fleisch isst und essen muss. Morgens zwei Brötchen mit Leberkäse, mittags eine rote Bratwurst und abends einen Sauerbraten, quasi. Der einst schüchterne Junge begann außerdem immer ein bisschen zu laut zu sprechen. Wohl, weil das als männlich gilt. Außerdem war er „jederzeit bereit“, sich zu schlagen. Das betonte er oft. Ich hatte trotzdem immer den Eindruck, dass er seine Sensibilität nicht verloren hat. Frank kiffte nicht, weil „a Deitscher kifft ed!“. Außerdem trug er auf dem Arm eine Tätowierung von einem Wolf mit (arisch) blauen Augen. Motoren und Bier waren neben Fleisch wichtige Teile seiner Identität. Und die  Loyalität zu seinen Freunden und zu Deutschland. Ich würde ihn heute wohl zumindest interessant finden, weil er eben nicht doof und nicht grausam war. Aber er war auch weder nett noch anziehend. Das war bei den meisten Rechten so, die ich kennengelernt habe. Sie waren nicht sehr offen und redeten meist in Ausrufezeichen miteinander. Und die viele Gewalt bei denen faszinierte mich zwar, aber sie stieß mich auch ab. Es stimmt, dass ich eine zeitlang rechte Sichtweisen überzeugend fand. Aber unter den Rechten selbst habe ich mich nie wohlgefühlt. Sie waren halt keine netten Typen.

Keine Ahnung, ob sich diese Erfahrung verallgemeinern lässt. Also, ob alle Rechten überall auf der Welt so sind. Aber so ganz abseitig scheint mir die Einschätzung immer noch nicht zu sein. Klar, Linke können oft Klugscheißer sein, oder passiv-aggressiv oder sonstwie nervig. Aber sie waren menschlich doch deutlich angenehmer und offener als die anderen Gruppen, die ich so kannte.

Außerdem hatte ich damals den Eindruck, dass den Linken die Wahrheit wichtiger war als den Rechten. Ich bin mir recht sicher, dass an diesem Gefühl einiges dran ist. Aber das ist einen eigenen Blogbeitrag wert.

Erstmal: Reggae-Hippie-Eso-Linker

Dieser Abend bei Atilla fasste mich jedenfalls sehr an. Ich begann mich erst mal zu einer Art Reggae-Hippie-Eso-Linken zu entwickeln. Alles sollte natürlich sein, lieber Wasser statt Cola, Bäume statt Autos, Kräuter statt Tabletten, Liebe statt Angst. Ihr wisst schon. Diese Natürlichkeitsideologie ist nichts per se Linkes. Aber für mich war es damals links. Manchmal denke ich, es war vielleicht ganz gut, dass das für mich damals nicht so scharf unterschieden war. Heute wäre ich vielleicht eher bei rechtsoffenen Schwurblern gelandet.

Ich begann, überallhin Barfuß zu gehen und trug Dreadlocks, zwischen denen man die Kopfhaut hindurch sah. Ich neigte zu starkem Sendungsbewusstsein, belaberte Leute , um ihnen die Wahrheit und das Licht näher zu bringen. Ich hatte ja schon im ersten Blog erzählt, dass wir gerne mit Zeugen Jehovas diskutierten und dabei das Gefühl hatten, Vertreter der wahren Wahrheit zu sein. Ich neigte auch zu Verschwörungsdenken, also der Vorstellung, dass alles Böse auf der Welt einer kleinen Gruppe böser Superreicher entstammt. Diese leitet die Menschheit irre und hält hinter den Kulissen die Fäden in der Hand. Vor allem das und meinen Natürlichkeitsfetisch halte ich inzwischen für nichts Gutes. Ich änderte mein Weltbild anschließend noch mehrfach. So war ich halt. Dadurch habe ich heute mehr zu erzählen.

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