Dieses mal erzähle ich in „Der letzte Linke“ keine Geschichte aus meinem Leben, sondern von einem Trick, den Leute oft benutzen, wenn sie genau über etwas nachdenken: Sie beginnen bestimmte Sätze mit dem Wort „gleichzeitig“.
Ein typisches Beziehungsgespräch: Du erklärst mir, dass du mehr Zeit für dich brauchst. Ich reagiere ein bisschen zu scharf, weil ich mich abgewiesen fühle. Außerdem bin ich der Meinung , dass wir zu wenig Zeit miteinander verbringen. Du bist daraufhin frustriert, reagierst ebenfalls scharf und das Streitgespräch ist im Gange. Alternativ könnte ich auch nicht auf Deinen ersten Satz reagieren. Stattdessen höre ich dir zu. Beispielsweise 12 Minuten lang.
Oder: Ich liebe dich und bin gleichzeitig wütend auf dich. Man kennt das auch als „ambivalent“, also ein Widerstreit zwischen verschiedenen Gefühlen. Mit „Gleichzeitigkeiten“ meine ich aber etwas anderes. Der Begriff hebt hervor, dass beide Aussagen zugleich wahr sein können. Die Spannung zwischen ihnen bleibt bestehen, aber sie widersprechen sich nicht logisch. Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, sobald man genauer unterscheidet, worauf sie sich beziehen oder in welcher Hinsicht sie gelten. Tut er das nicht, handelt es sich nicht um eine Gleichzeitigkeit, sondern um einen Widerspruch. Ein Hund kann gleichzeitig nass und trocken sein. Klar. Der Kopf des Hundes könnte trocken sein, während die Pfoten nass sind. Das kommt tatsächlich recht oft vor. Umgekehrt dagegen seltener.
Danach bin ich dran zu reden und du hörst zu. Das ist im Kern die Methode der „Zwiegespräche“. Eine Gesprächstechnik, die mein Leben sehr, sehr verbessert hat. Was dabei passiert, wenn man sowohl unwidersprochen zuhören als auch reden kann, ist erstaunlich. Du bekommst so viel mehr von dir selbst und dem Gegenüber mit! Vor allem etwas, das man meist mit dem Wort „gleichzeitig…“ einführt. Zum Beispiel: Du erzählst von deinem Bedürfnis nach mehr Raum, begründest es mit Stress auf der Arbeit und dem Frust in der Kunst und überhaupt und irgendwann kommst zu dem Punkt, an dem du erzählst, dass du dir ja gleichzeitig auch mehr Nähe mit mir wünschst. Achte mal darauf, wenn Leute ehrlich über sich nachdenken, wie oft sie das Wort „gleichzeitig“ benutzen. Weil es wichtig ist. Mit „Gleichzeitigkeiten“ meine ich mehrere Aussagen, die gleichzeitig wahr sind, obwohl sie sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen. Zum Beispiel, dass man gleichzeitig Nähe und Abstand möchte.
Gleichzeitigkeiten kommen überall vor, weil die Realität unsauber und komplex ist und ihre verschiedenen Aspekte selten in ein einziges Erklärungssystem passen. Deshalb kann es hilfreich sein, bewusst nach weiteren Aussagen zu suchen, die ebenfalls wahr sind. Ein bisschen wie bei der Geschichte von den Blinden, die jeweils einen anderen Teil eines Elefanten ertasten und ihn deshalb jeweils völlig unterschiedlich beschreiben. Erst wenn ihre verschiedenen Wahrnehmungen zusammenkommen, entsteht eine ungefähr realistische Vorstellung vom ganzen Elefanten.
Politische Gleichzeitigkeiten
Gerade das politische Denken ist voller Gleichzeitigkeiten. Beispielsweise ist es wahr, dass ein Teil der Muslime reaktionäre Ansichten vertritt. Und das ist ein Problem. Gleichzeitig konstruiert antimuslimischer Rassismus ein verzerrtes Bild von Muslimen als reaktionär. Auch das ist ein Problem. Ein großes. Beides ist gleichzeitig wahr. Beide Aussagen widersprechen sich auch nicht. Nur hört man sie selten gemeinsam. Sie werden üblicherweise verschiedenen Lagern zugeschrieben, weil sie leicht in eine bestimmte Richtung ausgelegt werden können. Wer den einen Satz sagt, dem wird oft – zu Recht oder zu Unrecht – unterstellt, den anderen abzulehnen. Auch wenn wir zuhause auf dem Sofa sitzen und nachdenken, neigen wir dazu, uns für eine Seite zu entscheiden, die eindeutiger ist. Verständlich, denn Gleichzeitigkeiten sind anstrengend.
Klassische Beispiele für politische Gleichzeitigkeiten sind: Menschen sind für ihre Entscheidungen verantwortlich. Gleichzeitig entscheiden sie nie unter Bedingungen, die sie selbst gewählt haben. Oder: Eine tolerante Gesellschaft sollte Meinungsvielfalt schützen. Gleichzeitig muss sie extreme Intoleranz bekämpfen.
Mein „Trick“ besteht darin, mir einige dieser Gleichzeitigkeiten klarzumachen, wenn ich über ein Thema nachdenke oder darüber diskutiere. Sie beantworten die Frage noch nicht. Aber ich binde mich damit daran, bestimmte Teile der Wirklichkeit nicht auszublenden. Im Gespräch bedeutet das auch: Ich erkenne an, dass die andere auf etwas Reales hinweist, selbst wenn ich ihre Schlussfolgerung nicht teile. Und wenn ich allein nachdenke, hindere ich mich daran, nur die Tatsachen gelten zu lassen, die ohnehin zu meiner Position passen.
Wenn ich mir klarmache, dass du gleichzeitig Nähe und Abstand möchtest, ist noch nicht geklärt, wie viel Zeit wir miteinander verbringen sollten. Aber ich kann nicht mehr eines der beiden Bedürfnisse zum eigentlichen erklären und das andere beiseiteschieben. Stattdessen müssen wir genauer darüber sprechen, wann du Nähe brauchst, wovon du Abstand möchtest und wie beides zusammenhängt. Oft zeigt sich dann, dass es gar kein echter Widerspruch war, sondern nur so wirkte, weil wir die Bedürfnisse zu grob beschrieben hatten.
Das funktioniert auch bei einem Reizthema wie „Migration aus muslimischen Ländern“. Ich reihe mal fünf Aussagen aneinander, die ich für gleichzeitig wahr halte.
- Alle Menschen sollen gleichwertig behandelt werden.
- Ein Teil der Einwanderer aus muslimisch geprägten Ländern vertritt islamistische oder stark reaktionäre Ansichten.
- Die meisten Muslime in Deutschland sind aber keine Islamisten.
- Es gibt Rassismus gegen Muslime.
- Es gibt kulturelle Unterschiede*, die das Zusammenleben unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen erschweren.
Man könnte jede Aussage präzisieren oder vertiefen, aber insgesamt vermute ich, dass ein Großteil der Bevölkerung in Deutschland ihnen in etwa zustimmen würde. Obwohl es ein so aufgeladenes Thema ist. Diese Gleichzeitigkeiten lösen kein konkretes Problem. Aber sie schaffen eine Basis, auf der es dann weitergehen kann. Einseitiges Denken hasst Gleichzeitigkeiten. Sie sind das Weihwasser für den Teufel der Ignoranz.
Der Trick braucht guten Willen
Der Trick setzt allerdings voraus, dass die Beteiligten überhaupt an einem ehrlichen Austausch interessiert sind. Ich will hier nicht dafür plädieren, mit Björn Höcke ein Zwiegespräch zu führen. In einem Zwiegespräch gehe ich davon aus, dass der andere seine Perspektive ehrlich mitteilt und grundsätzlich bereit ist, sich gemeinsam der Wahrheit anzunähern. Bei Höcke wäre diese Annahme ein Fehler. Der ist ein Rechtsextremist, der seine politische Agenda durchsetzen will, dafür notfalls Fakten verdreht. Ein Zwiegespräch ist kein Mittel gegen Propaganda. Mit Leuten, die Sprache nur strategisch einsetzen und an einem ehrlichen Austausch gar nicht interessiert sind, funktioniert es nicht. Unter Menschen, die tatsächlich bereit sind, einander zuzuhören und die eigenen Aussagen an der Wirklichkeit zu prüfen, kann der Trick dagegen sehr hilfreich sein.
Er besteht auch nicht darin, zu jeder gut begründeten Aussage zwanghaft eine Gegenwahrheit zu suchen. Ob der Klimawandel menschengemacht ist, ist keine Frage, bei der zwei gleich starke Wahrheiten nebeneinanderstehen. Darüber herrscht wissenschaftlich weitgehend Klarheit. Die Gleichzeitigkeit beginnt an einer anderen Stelle: Die Emissionen müssen schnell sinken. Gleichzeitig kann schlecht gemachter Klimaschutz arme Menschen besonders hart treffen. Der zweite Satz schwächt den ersten nicht ab. Er macht das Urteil genauer. Er spricht nicht gegen Klimaschutz, sondern gegen einen Klimaschutz, der ungerecht gestaltet ist.
Wahre Sätze und trotzdem falsch
Es reicht auch nicht, einfach mehrere Aussagen aneinanderzureihen, die in dieselbe Richtung gehen. Neulich habe ich einen Post einer Antifagruppe gesehen, die sich als israelsolidarisch bezeichnet. Der Post erklärte, dass es in Israel keine Apartheid gebe. Dort sei jeder fünfte Einwohner arabisch. Sie könnten Journalisten, Richter, Offiziere sein. Sie hätten in Israel „mehr Rechte und Freiheiten als alle arabischen Menschen in allen arabischen Regimen in der Region“.
Das sind mehrere Aussagen. Vor allem die zweite ist eine etwas steil, aber sie trifft zumindest eine reale Tendenz. Das Problem ist weniger, dass der Post faktisch lügt, als dass er für die Gesamtlage wesentliche Teile der Wirklichkeit auslässt. Ich behaupte einfach mal, dass sie nicht dazu dienen, die Realität wahrheitsgemäß zu beschreiben, sondern dazu, einen Punkt zu machen. Nämlich, dass man Israel unterstützen soll.
Was der Post unterschlägt, sind Gleichzeitigkeiten: Dass arabische Israelis in vielen Bereichen teils massive Diskriminierung erfahren. Oder dass es in der Westbank seit Jahren massive Gewalt gegen Palästinenser durch radikale Siedler gibt. Dass die israelische Kriegsführung in Gaza unermessliches Leid verursacht hat und viele Genozidforscher inzwischen von einem Genozid sprechen.
Meine Ergänzungen beantworten nicht die Frage, ob Israel ein Apartheidstaat ist. Aber zusammen mit den Aussagen des Antifa-Posts zeichnen sie ein realistischeres Bild der Lage.
Das bedeutet nicht, dass sich Aussagen gegenseitig ausgleichen oder zu einem milderen Urteil führen. Dass arabische Israelis bestimmte Rechte genießen, relativiert weder die Gewalt in der Westbank noch die in Gaza begangenen Kriegsverbrechen. Zu einem vollständigen Bild gehören ebenso die Verbrechen vom 7. Oktober. Diese Verbrechen relativieren einander nicht. Ein vollständigeres Bild kann differenzierter sein und zugleich zu mehreren scharfen Urteilen führen.
Dasselbe gilt für mein Migrationsbeispiel: Wenn ich anerkannt habe, dass es sowohl Rassismus als auch reale kulturelle Konflikte gibt, kann ich nicht je nach politischem Lager eine dieser Tatsachen verschwinden lassen. Ich muss genauer fragen, wie sie zusammenhängen und was sie für die konkrete Frage bedeuten. Der Trick liefert keine fertige Lösung. Aber er verhindert, dass ich mir die Wirklichkeit voreilig passend mache.
*Ich spreche lieber von „kulturellen Abständen“ als von „kulturellen Unterschieden“ , weil „Unterschiede“ einen Gegensatz herstellen. „Unterschiede“ lenken den Blick auf das, was zwei Dinge voneinander trennt. Gemeinsamkeiten geraten dabei leicht aus dem Blick. „Abstände“ lassen dagegen eher ein Dazwischen und die Möglichkeit von Bewegung und Annäherung erkennen. Die Unterscheidung stammt vom Sinologen François Jullien.
Hinterlasse einen Kommentar