Boxen hat meiner Männlichkeit gut getan

 
Aus  meiner Reihe: Der letzte Linke. Darin blogge ich wie  in den Neunzigern übers Links sein und wie schlau das ist.

Toxische Männlichkeit ist scheiße. Dass Männer immer stark sein müssen und führen sollen, während Frauen fürsorglich und gehorsam sind und angeblich sein wollen, das sind dumme Vorstellungen, die wir überwinden sollten. Sie schaden auch Männern.

Gleichzeitig habe ich lange geboxt. Einmal wurde ich sogar Berliner Vizemeister im Kickboxen. Allerdings musste ich dazu auch nur zwei Kämpfe machen, von denen ich einen verlor. Aber ich erzähle die Geschichte trotzdem gerne. Sicher, weil ich  mich dabei besonders männlich fühle. Mutig und stark und bereit, sich zu wehren. Manche würden das als toxisch männlich bezeichnen. Das kann ich auch nachvollziehen, weil Härte eine große Rolle dabei spielt:

Man trainiert über viele Jahre mindestens vier mal die Woche sehr intensiv. Schmerzen und Selbstüberwindung sind dabei ständig Thema. Ich habe mit einem Stock meine Schienbeine bearbeitet, um sie weniger empfindlich zu machen und härter zutreten zu können. Ich habe mit den Fäusten gegen Holzlatten geschlagen bis es fast nicht mehr ging und ich habe mich regelmäßig so sehr angetrieben, dass mir vor Erschöpfung schlecht geworden ist. Danach haben wir stolz und glücklich vorgeführt, wie viel Schweiß aus unseren T-Shirts rinnt, wenn wir sie auswringen. Bei den Wettkämpfen habe ich mir eine Rippe und die  Nase anbrechen lassen. Bei jedem Turnier hatte ich damit zu tun, meine Angst zu beherrschen.  Das ist ein ganz wichtiger Grund dafür, dass mir das Training und die Wettkämpfe so gut getan haben.

Ich war ein unsicheres Kind, aufgrund meiner Familiengeschichte und des Mobbings, das ich so lange ertragen musste. Und ich hatte viel Fantasie, so könnte man das nennen. Auch Angstfantasien. Gerade als Jugendlicher traf ich immer wieder auf Typen, die mich anmachten oder gar bedrohten. Auf der Straße, in der Schule, im Freibad. Und leider malte ich mir dann intensiv aus, wie ultrafähig und brutal meine Gegner wahrscheinlich sind und was alles Schlimmes passieren könnte. Ein Kieferbruch! Zähne raus! Das Auge kaputt! Getötet!! Und was, wenn ich den Typen wieder sehe und es noch schlimmer  wird? Das führte dazu, dass ich in solchen bedrohlichen Momenten einfror. Und einfrieren ist der größte  Feind, wenn du dich wehren willst. Die damit verbundene Demütigung vergiftete monatelang meine Gefühle. Es war übel. Ich lieh mir Selbstverteidigungsbücher aus der Stadtbibliothek aus, die aber nur meine Fantasien beflügelten, was die ultrafähigen und brutalen Gegner alles mit mir anstellen würden.

An Ältere konnte ich mich nicht wenden. Weil ich mich schämte. Und wenn ich es doch machte, kamen nur Sprüche wie: „Denk nicht dran“. „Du musst drüber stehen.“ Oder: „Du musst dich halt wehren, dann hört er schon auf!“, gefolgt von einer selbstherrlichen Geschichte, wie man sich in der Jugend todesmutig gegen tausende Gegner gewehrt hat und die einen dann in Ruhe gelassen und sogar respektiert haben und mit denen man heute regelmäßig Bier trinke und über die alten Zeiten lache. Liberale Deutschlehrinnen betonten auch gerne, dass der andere ja schwach und dumm sei, wenn er andere klein machen muss. Das stimmt zwar irgendwie, und ich bin mir sicher, dass das sehr gut gemeint war. Aber es stimmt auch überhaupt nicht und war für mich nicht ein bisschen  hilfreich.

Männliche Vorstellungen von Ehre und Stärke sollte man kritisch hinterfragen. Das ist richtig. Aber sie sind eben  auch da und verlieren meist erst nach  jahre- oder jahrzehntelanger Selbstreflexion an Kraft. Wenn überhaupt. Und ganz sind sie bei mir auch nie weg gegangen, trotz aller Reflexion und Erfahrung. Ich konnte sie nur annehmen und verwandeln. Meine Angstfantasien wurden konkret, als ich mit 15 im Freibad auf einen Typen namens Ferro traf. Scheinbar hatte ich ihn gestreift und  mich nicht enthusiastisch genug dafür entschuldigt. Er fragte, ob ich ein Problem hätte, reckte das Kinn vor und  rückte mir auf die Pelle. Ich fand das zwar unangenehm, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass er mir mit aller  Wucht die Faust auf meine obere Zahnreihe schlägt. Hat er aber, auch noch, während ich gerade woanders hinschaute. Das führte dazu, dass ich 35 Jahre lang mit zwei grauen, weil eingeschlagenen Vorderzähnen lebte. Ich hatte fast nie Schlägereien, vor allem nicht so heftige, wo man sich mit aller Gewalt  ins Gesicht schlägt. Und wenn diese eine Schlägerei dann so heftige Folgen hat, führt das dazu, dass man viel zu viel über Gewalt und Demütigung nachdenkt. Es war zumindest bei  mir so.

In der Folge habe ich mit dem Boxen angefangen. Das war eine gute Erfahrung. Einfach, weil es ein guter Sport ist. Ich bekam ein immer besseres Körpergefühl. Ich fühlte mich schneller und stärker und lernte etwas besser mit meinen Ängsten umzugehen. Ich war aber immer noch ängstlich und hatte mit meinem (männlichen) Selbstwertgefühl zu tun. Deutlich besser ist das bei mir erst in meinen Dreißigern geworden. Ich begann trotz meiner Befürchtungen, Wettkämpfe mitzumachen. Bei meinem ersten Kampf hatte ich so Angst, dass ich schon nach einer Minute kaum noch Luft bekam. Ich kämpfte trotzdem weiter und nichts Schlimmes ist passiert.  Ich lernte mit der Zeit, dass ich doch mehr aushalte, als gedacht. Ich erinnere mich gerne an einen Kickbox-Wettbewerb, bei dem ich auf einen besonders bedrohlich aussehenden Gegner traf . Ein richtiger Muskelschrank, braungebrannt, tätowiert. Ich besiegte ihn in der zweiten Runde. Und es war leicht, weil zu viele Muskeln im Kampf eher hinderlich sind. Er war zu langsam und seine Nase vertrug den Treffer nicht. Der Typ war übrigens sehr nett und wir umarmten uns nach dem Kampf.

Die Boxwettkämpfe  haben mich von diesen Ängsten geheilt. Ich habe dann sogar angefangen, als Türsteher in Kreuzberg zu arbeiten. Ich habe dabei nicht gelernt, dass ich stärker bin als alle anderen, sondern, dass  „mit mir nicht gut Kirschen essen ist“. So nannte ich es. Ich wusste, dass ich mich wehren kann, dass ich einiges aushalte und dass nicht jede Auseinandersetzung gleich zu eingeschlagenen Zähnen oder dem Tod führt. Ich wurde selbstbewusster. Ich lernte besser mit den vorherrschenden Männlichkeitsbildern umgehen. Anstatt sie rundweg abzulehnen, habe ich einen Teil von ihnen angenommen. Klar, das alleine reicht nicht. Ich habe auch Psychotherapie gemacht. Was in diesen Jahren zum Glück relativ gut möglich war. Außerdem habe ich mich nicht nur mit Kampf- und Kraftsport beschäftigt, sondern wurde inspiriert von klugen Büchern und Menschen. Was für mich sehr gut funktioniert hat, war das gleichzeitige Annehmen und humorvolle Brechen von Geschlechtervorstellungen. Ich erlaubte mir also, stark zu sein und notfalls auch respektloses  Verhalten mir gegenüber offensiv anzusprechen. Ich genoss die Gemeinschaft beim Sport und erlaubte mir ein Maß an Ehrgeiz und Eitelkeit. Gleichzeitig hat es mir großen Spaß gemacht, diese männlichen Muster zu brechen, auch indem ich Verletzlichkeit zeigte und selbstverständlich machte.

Binarität und praktischer Umgang

Aus meiner Erfahrung heraus würde ich also sagen, dass es nicht sinnvoll ist, jungen Männern nur die Kritik an traditionellen Männerbildern beizubringen. Denn, wenn das Problem ja gerade ist, dass sie sich mit ihnen identifizieren, kommt bei  ihnen nur ein schlecht machen ihrer Identität an. Ja, sie sollten verstehen, dass jeder Mensch Schwächen hat und verletzlich ist. Auch Männer. Und dass es sinnvoll ist, das anzuerkennen und freundlich und klug damit umzugehen. Das heißt aber nicht, dass alle Arten, Männlichkeit zu leben, falsch sind.

Sinnvoller erscheint mir, den Spielraum der Männlichkeitsvorstellungen zu vergrößern. Wer Krafttraining liebt, soll Krafttraining machen. More power to you, sagt man im Englischen. Wer boxen möchte, soll boxen. Wer Ballett tanzt oder sich gerne als  Prinzessin verkleidet und rauschende  Prinzessinnenbälle veranstaltet, hervorragend! Das Entscheidende ist der Kontext. Stärke muss nicht auf Kosten von Mitgefühl oder Rücksicht gehen. Im Gegenteil: Selbstkontrolle ist notwendig, um sich fair und fürsorglich anderen gegenüber zu verhalten.

Wenn der frauenfeindliche Influencer  und Drecksack Andrew Tate einen auf Supermacker macht, der die  Verachtung von Frauen  und Schwäche als männlich zelebriert, und Dominanz als natürlich männliche Verhaltensweise missversteht, ist das ganz offensichtlich etwas, das falsch ist und angegriffen werden sollte. Das kann aber auch aus vielen männlichen Traditionen heraus angegriffen werden. Männer, die  ein Bild vom Mann als Vater und Ehemann feiern, der milde ist und für seine Familie da ist und für sie sorgt, finden Leute wie Tate meist lächerlich.

Es stimmt allerdings auch: Wenn Stärke etwas Männliches ist, sage ich sprachlich zugleich, dass sie nichts Weibliches ist. Das liegt daran, dass Denken und Sprache dazu neigen, die Welt in einfache Gegensätze einzuteilen. Obwohl die Realität meist komplizierter ist. Gerade beim Geschlecht hilft es oft mehr, in Spektren als in starren Gegensätzen zu denken. Das Problem daran ist auch, wenn wir behaupten, Frauen seien schwach, rechtfertigt das auch, dass Männer die Frauen kontrollieren und beherrschen. Genau so werden patriarchale Verhältnisse gerechtfertigt. Darum lehnen viele Linke diese Geschlechter-Binarität ab. Man solle Stärke und Fürsorge und Vernunft gar nicht an irgendwelche Geschlechter binden. Und das macht auch wirklich Sinn.

Das Problem dabei ist nur, dass unsere Vorstellungen davon, was Mann und Frau ist und wie sie funktionieren, eben da sind und sie sind sehr tief verwurzelt. Und gerade Leute, die im Alltag viel zu kämpfen haben, weil ihnen nicht Geld und andere Privilegien das Leben erleichtern, neigen dazu, sich ihre Vorstellungen von Normalität nicht in Frage stellen zu lassen. Bei mir hätte das früher gar nicht funktioniert. Es war noch nicht mal denkbar. „Wie? Geschlecht ist sozial konstruiert? HAHAHA! Also, ich fühle mein Geschlecht sehr deutlich! IN DER HOSE!!! HAHAHA!“ Heute cringen mich diese angeblich lustigen Sprüche auch an, einfach, weil ich weiß, wie ignorant sie sind. Aber heute cringt mich meine spätere Neigung genauso an, jeden zu belehren, der das Wort „Mann“ in den Mund nimmt, oder jeden Wunsch danach, männlich zu sein, als rückständig abzutun. Denn es ist klassistisch, unfreundlich und ehrlich gesagt habe ich auch nicht das Gefühl, dass Leute, die Butler, Foucault und Sedgewick gelesen haben, automatisch die reflektierteren Menschen sind.

Mehr Power für uns!

Zurück zu dem tätowierten Muskelmann, den ich damals bei einem Kickboxturnier besiegt habe. Ich erinnere mich bis heute  an seine sanfte Stimme und wie nett er war. Das heißt natürlich nicht, dass Muskelmänner  automatisch nette Menschen sind. Vielleicht war er in anderen Situationen kein freundlicher und reflektierter Typ. Aber ich habe mit ihm und anderen immer  wieder die Erfahrung gemacht, dass Männlichkeit und Reflektiertheit sehr gut zusammen passen können.

Ich arbeite hier mit dem Begriff „männlich“, obwohl ich gegensätzliche Vorstellungen von  Geschlecht nicht sinnvoll finde. Diesen Widerspruch kann ich nicht ganz auflösen. Ich bin da ambivalent. Aber ich merke, dass bestimmte Formen von Männlichkeit für mich und viele andere Menschen etwas Gutes sind. Beim Boxen, beim Pumpen, im Fußballstadion und bei einer bestimmten Art des Umgangs auf Augenhöhe. Da habe ich Männlichkeiten erlebt, die mir und uns viel Freude und Energie gegeben haben. Der Versuch, das einfach aus meinem Leben zu streichen, hätte mich nicht freier gemacht und es hätte mit Sicherheit nicht dafür gesorgt, dass ich gegenüber frauenfeindlichen Mustern kritischer gewesen wäre. Für mich war es hilfreicher, bestimmte Vorstellungen und Praktiken anzunehmen, andere zu erweitern und wieder andere entschieden abzulehnen.

Ich denke, das gilt nicht nur für Männlichkeit, sondern für viele kulturelle Traditionen. Man muss sie nicht entweder vollständig verteidigen oder vollständig verwerfen. Oft reicht es, sie klüger  und offener auszulegen.

Das Titelbild ist übrigens von meinem Kumpel, Mitkampfsportler und kritischen Mann Ludwig Schult.

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