Die Autonomen, Pippi Langstrumpf und Ich

In den 80ern und 90ern waren die Autonomen einflussreich. Zumindest für  mich und mein Umfeld. Sie waren ja auch eindrucksvoll. Mit ihren riesigen Demos, mit Helmen und Schlagstöcken und alle in Schwarz. Sie hatten ganze Straßenzüge besetzt und machten den „Nazis und Yuppies“ die Hölle heiß. Dabei hatten wir  vor den Nazis üblicherweise Angst. Aber die  Autonomen waren stark und organisiert und wir kannten die Geschichten, wo Autonome die Nazis  richtig zu rennen gebracht haben.

Und die  Yuppies (altes Wort. „Young urban professionals“), das waren für mich irgendwie Leute, die Geld haben und mehr davon wollen und sich rücksichtslos verhalten. Also die Leute, die immer gewinnen. Die alte Leute und arme Leute aus ihren Wohnungen schmeißen, um sich noch einen Porsche kaufen zu können. Und die aus allem nur ein Geldprojekt machen und für  die teure Armbanduhren wichtiger sind als ihre Moral und ihre Freunde. So sah ich das damals. Die Autonomen haben die dann Zuhause „besucht“ und ihnen wirklich Angst gemacht. Das Auto angezündet und eine Warnung an die Haustür gesprüht. Das hat wohl auch öfter funktioniert. Klar, Gewalt ist meist falsch. Aber es hat sich damals schon gut angefühlt, wenn die Bösen auf den Hintern bekommen. Mir ist klar, dass die Realität oft (nicht immer) komplexer ist, als das einfache „böser Kapitalist vs. arme aber gute Leute“ Prinzip. Andererseits fallen mir im heutigen Berlin viele Fälle ein, wo ein Teil von mir wünschte, dass es die autonome Bewegung noch gäbe.

Ich war selbst kein Autonomer. Aber ich war über  Jahre mit dieser Szene verbunden. Das hat wohl angefangen, als ich in Reutlingen kurz nach der Realschule links wurde. Ich habe in einem anderen Text darüber geschrieben. Das war eher ein Hippie-Ding. Ich fand alles, was natürlich ist, gut. Alles was unnatürlich war, schlecht und böse. Quasi Äpfel und Bäume und in der Sonne entspannen gut; Gummibärchen und Autobahnen und im Job Tag für Tag schuften und die eigenen Bedürfnisse unterdrücken schlecht. Macht ja auch Sinn, wenn ich es so formuliere. Jedenfalls war mein Konzept davon, was Links war, sehr unordentlich organisiert. Ich glaube, das ist normal. Man braucht eine Weile, um die eigenen Ideen zu ordnen und geht seinen Weg darum eher intuitiv.

Wolfgang und die Zelle

Vielleicht könnte man mich damals als schwäbischen Hippie-Punk-Autonomen-Anarcho bezeichnen. Ich hing viel in der Reutlinger „Zelle“ herum. Einem „autonomen Zentrum“, das 1968 gegründet wurde und das es heute noch gibt. „Autonom“ heißt hier „selbstverwaltet“. Basically ein linker, selbstverwalteter Jugendklub.  Hier sind nicht alle mit Hassis (Sturmhauben) und Zwillen und schwarzer Kleidung herumgerannt. Aber einige von uns hatten Zwillen und Hassis zu Hause im Schrank liegen. Ich jedenfalls. Ab und zu habe ich die Hassi angezogen und habe mit der Zwille bekifft vor dem Spiegel posiert. Da kam ich mir sehr cool vor. Ab und zu  habe ich mir auch mein Palituch umgewickelt und kam  mir damit cool vor.

Die Zelle ist das älteste autonome Zentrum Deutschlands. Es gab mindestens zwei Generationen der „Zellis“, also der Leute, die dort mitmachten. Es gab die Älteren und die ganz jungen. Die wohnten teils in WGs zusammen. Die meisten kifften und tranken Bier und organisierten in den schwarz gestrichenen Räumen der Zelle Konzerte und Lesungen. Die Erfahrung, dort selbst Veranstaltungen zu organisieren war wichtig für mich. Ich habe immer noch die Haltung verinnerlicht, dass es eine gute Sache ist, Dinge gemeinsam und auf Augenhöhe hinzubekommen. Und dass es ok ist, wenn man viel diskutiert.  In der Zelle wurde viel diskutiert. Es gab auch ein paar Leute unter den vielen Zellis, die wohl eindeutig Autonome waren. Einer war schon „älter“, etwa dreißig (HA!). Wolfgang. Er trug einen Ohrring, war ziemlich schlau, nett und konnte Kung Fu. Man erzählte sich die Geschichte, wie einmal „zwei dicke Rocker“ in der Zelle aufgetaucht sind und Ärger wollten. Und Wolfgang ist supercool geblieben. Er hat denen nur mit eiskaltem Blick gesagt, dass man ja sehen würde, wer schneller sei. Die Pointe der Geschichte war, dass er den Daumen des einen Rockers in einem Hebel genommen hatte und laut und etwas aufgeregt rief: „I brech dir de Dauma! I brech dir de Dauma!“

Wolfgang war jedenfalls teilweise als Autonomer unterwegs. Zumindest ging er viel auf Demos, blockierte Naziveranstaltungen, griff manchmal auch die richtigen, gefährlichen Vollnazis an. Und er trug dabei die klassische schwarze Kleidung und war vermummt. Ich kam auch öfter mit, wenn mal wieder irgendwo Nazis blockiert wurden. Ich ging auch auf Demos mit. Teils sehr große Demos, zu denen wir Busse mieteten und als größere Gruppe hinfuhren. Nicht um zu kämpfen, das habe ich eigentlich nie getan. Dazu hatte ich zu sehr Angst, eine schwerwiegende Anzeige zu bekommen und dann ins Gefängnis zu müssen. Einmal war ich in Mannheim bei einer Demo gegen die NPD. Dort habe ich Mülltüten auf die Nazis geworfen. Das war für  mich völlig berechtigt, zumal die Nazis ja selbst nicht nur hetzten, sondern gewalttätig waren. Dort wurde ich allerdings festgenommen. Allerdings erst beim zweiten Versuch der „Bullen“. Beim ersten Versuch hatte sich sofort eine Menge um mich und die Polizisten geschlossen und sie schafften es nicht, mich aus der Demo herausziehen. Beim zweiten Versuch klappte es aber. Ich musste einen Nachmittag lang ohne Brille frierend in einer Polizeizelle sitzen. Da  habe ich gemerkt, dass ich nicht dafür gemacht bin. Es hat sich schrecklich angefühlt, so ausgeliefert und isoliert zu sein. Ich musste auch eine Strafe von 600 Mark zahlen, die zur Hälfte eine Organisation namens „Rote Hilfe“ bezahlte.

Wer waren die Autonomen?

Ich muss aber auch sagen, dass ich nie ganz sicher bin, wer konkret und wirklich ganz eindeutig die Autonomen waren. Musste man dazu in einem besetzten Haus wohnen? Sich regelmäßig mit der Polizei schlagen? Oder war das schlicht eine Selbstbezeichnung? Ich kannte Leute, die sich so nannten, aber die waren sehr unterschiedlich. Manche lasen viel linke Theorie, waren gleichzeitig Buddhisten, andere einfach Punks, die ständig Bongs rauchten und ziemlich desorganisiert und unfreundlich waren. Und  sie lebten auch nicht alle in besetzten Häusern oder trugen schwarze Kleidung. Mir scheint, man versteht die autonome Bewegung besser als eine kulturelle Strömung mit realem Ausdruck.

Was ziemlich eindeutig zu dieser autonomen Kultur gehörte, war die Idee, dass Selbstbestimmung ganz ganz wichtig ist. Ideen von Weltrevolution oder einer Räterepublik oder Kommunismus gehörten auch irgendwie dazu, sie mischten sich unordentlich mit hinein. Aber was immer da war, war die Idee, dass man selbst handeln muss, das eigene Leben selbst in die Hand nehmen und dabei anderen helfen.

Es gab Kommunisten und so was in dem Milieu. Ein Freund von uns begann beispielsweise irgendwann die Mao-Bibel überall mitzuschleppen und zu zitieren. Aber das fanden alle um ihn herum scheiße. Es ging eher um einen Kampf unten gegen oben. Und die Unten sind die Guten und müssen zusammenhalten gegen die Oben und gleichzeitig radikal individuell sein. Zu groß oder theoretisch zu denken, war zumindest in meinem Umfeld eher verpönt. Theorie war okay, aber eher eine persönliche Marotte.  Wir nannten die Leute, die viel lasen „Kopfrocker“.

Durch diese in der autonomen Kultur weit verbreitete „Politik der ersten Person“ wurde auch das Private radikal politisch. Man konnte der Politik nicht entgehen. Das hat Leute teils echt unangenehm gemacht. Mehr als einmal wurde ich von 17-jährigen, glühenden Linksradikalen schwer gerügt, weil ich auf deren verdrecktem Klo beim Pinkeln nicht hingesessen bin.

Politische Theorie kannte ich hauptsächlich von dem, was ich auf den Flyern fand, die in der Zelle oder an anderen Orten herumlagen. Schwarz-weiß fotokopiert, vollgestopft mit langen Sätzen ohne Absätze. Der Text hauptsächlich bestehend aus Hauptworten wie „Kapital“, „Staatsmacht“ und „Widerstand“. Dazu eine Zeichnung von einer weltumspannenden Krake oder einem vermummten Kind mit Zwille. Manche lasen auch Zeitschriften wie die „Radikal“. Auch hier waren die Texte für mich damals unlesbar. Aus meiner Sicht heute würde ich sagen, dass die halt wahnsinnig schlecht geschrieben und argumentiert waren.

Was bei mir aber hängenblieb, waren einzelne Begriffe, Sätze und Bilder. „Kapitalismus“, „Herrschaft“, „Patriarchat“, „Eigentum ist Diebstahl“. Die machten für mich intuitiv Sinn. Wie winzig kleine Gedichte, in die man ganz viel hineininterpretieren kann. Sie gaben mir das Gefühl, etwas verstanden zu haben, ohne dass ich es wirklich herleiten konnte.

Der Satz „Eigentum ist Diebstahl“ enthält ja auch einen Wahrheitsgehalt. Aber auch viel Quatschgehalt. So war das mit vielen dieser Sätze. „Zähne zeigt, wers Maul aufmacht“ und „Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle“. Dazu überall Bilder von Kindern, die Steine mit Schleudern schmeißen oder lachen und tanzen. „Leben, lieben, lachen“, stand auf jedem zweiten Flyer. Pippi Langstrumpf war unglaublich beliebt in dieser autonomen Kultur. Pippi hat Superkräfte, ist völlig selbständig, hat ein goldenes Herz, lacht über Autoritäten und gibt den Bösen eine auf die Nuss. Und sie besitzt eine kindliche Unschuld.

Ich würde sagen, die Idee der Autonomen war weniger eine politische Theorie als eine persönliche Haltung. Dazu ein massiv vereinfachtes Weltbild, das gleichzeitig auch etwas Reales sieht, was der Mainstream nicht sieht. Man ist gegen Ungerechtigkeit und will sein Leben selbst in die Hand nehmen.

Ladendiebstahl wurde quasi als eine Art Reparation zelebriert. Ich war da auch eine Weile lang dabei. Öfter habe ich im Schlecker eine Reihe Camel-Zigaretten geklaut und die danach unter meinen Leuten verteilt. Dabei fühlte ich mich wie ein Robin Hood mit Hassmaske. Einen Tag lang war ich sogar mit einem etwas düsteren Typen unterwegs, der das professionell machte. Er klaute reihenweise teure Parfüms und verkaufte die dann weiter. Das wurde mit linken Ideen gerechtfertigt. Eigentum ist schließlich Diebstahl. Dann klau ich halt zurück.

Wie gesagt, ich finde, der Satz macht schon auch Sinn. Wenn jemand tausend Mietshäuser besitzt und dafür jeden Monat viele Millionen kassiert, ist die Frage sehr berechtigt, worin eigentlich seine eigene Leistung besteht. Ich werde das hier nicht tiefer ausführen, aber es ist etwas dran.

Aber Ladendiebstahl ist keine politische Handlung, die die Welt besser macht. Man macht halt sein eigenes Leben besser, solange man nicht erwischt wird. Beim Häuser besetzen ist zweischneidig. Es kann einfach ein egoistischer Akt sein. Ich nehme, was ich will. Aber es kann tatsächlich auch politisch sein, wenn man damit Eigentumsverhältnisse angreift und gar etwas Neues schafft. Aber damit ist noch nicht beantwortet, wie eine Gesellschaft Wohnungen baut und verteilt. Und das ist ja die entscheidende Frage. Irgendjemand muss die Häuser bauen, die Kühlschränke, das Essen in den Supermärkten, die Lkws, die das Essen transportieren, den Strom, den man dafür braucht und die Lacke für die LKWs.

In dem autonomen Denken, das bei mir ankam, gab es darauf kaum eine Antwort. Im Gegenteil wurden Leute, die einfach arbeiten gingen und ihr Leben innerhalb der bestehenden Verhältnisse organisierten, als angepasste Loser verachtet. Die Vorstellung war eher: Wir entziehen uns dieser kapitalistischen Maschinerie. Wir sind auf der richtigen Seite. Staat und Kapital sind die Gegenseite. Eine sehr böse Gegenseite, die mordet und ausbeutet und unfassbar brutal und rücksichtslos ist. Auch das enthält einen Wahrheitsgehalt. Wenn man an globale Ausbeutung denkt, die menschengemachte Umweltkatastrophe, die Tatsache, dass niemand auf der Welt wirklich hungern müsste und trotzdem Menschen hungern. Und der Fakt, dass westliche Staaten teils brutale Diktaturen unterstützen.

Aber diese Zuspitzung des Systems zu einer faschistischen Maschinerie sieht auch sehr vieles nicht. Beispielsweise, dass wir trotz allem in einem Rechtsstaat leben, in dem der Vermieter uns nicht so leicht Schlägertrupps auf den Hals schicken kann und in dem Ausbeutung und Rücksichtslosigkeit der Kapitalisten immer noch Grenzen gesetzt werden. Im Vergleich zu Ländern wie Mexiko, Kolumbien oder den Philippinen wird das schon deutlich. Da werden Gewerkschafter teils getötet, Umwelt- und Arbeitsrechte oft kaum durchgesetzt und die Korruption ist massiv. Oder auch im Vergleich zu Deutschland in der Nazizeit. Da besteht ein riesiger Unterschied.

Ich denke, viele der radikalen Linken wussten das auch. Aber man musste die politische Dramatik auf die Spitze treiben. Im Weltbild, das ich mir auf dieser Grundlage zusammensetzte, wurden Staatsmacht und Kapitalismus dadurch zu einem faschistischen System.

Lieselotte Meyer als autonomes Vorbild

Mein autonomes Weltbild zeigt sich auch gut an dem Lied „Lieselotte Meyer“ von Yok Quetschenpau. Davon gibt es verschiedene Versionen. Begleitet von mitreißender Akkordeon-Musik erzählt das Lied von einer lieben, alten Frau, die davon geweckt wird, dass Nazis das Flüchtlingsheim angreifen. Sie geht zu den Leuten im Flüchtlingsheim und schenkt ihnen Kaffee und Kuchen und ihre Solidarität. Die Polizei wird weggeschickt, weil „von euch erwarten wir hier nichts“. Stattdessen baut sie am Haus gegenüber eine riesige Zwille, um die Nazis anzugreifen, wenn sie wieder kommen. Andere  Lieder über Lieselotte Meyer erzählen davon, dass sie beginnt, Kapuzenpullis zu tragen und klauen zu gehen und überhaupt verhält sie sich wie eine richtige Autonome.

Was sich seitdem für mich verändert hat

Das ist ein bisschen wie mit den vielen Bildern von widerständigen Kindern, die die autonome Kultur so liebte. Dahinter steht keine durchdachte politische Theorie, sondern ein Gefühl. Ungerechtigkeit ist scheiße, Konsum und Kapitalismus sind scheiße. Widerstand dagegen ist gut. Selbstbestimmung ist gut. „Auch wenn sie‘s nicht vermuten. Wir sind die Guten!“, war ein selbstironischer Demospruch dieser Zeit.

Gewalt ist dabei ein legitimes Mittel, weil man wehrt sich ja nur. Wenn Widerstand aber selbst zum Beweis moralischer Richtigkeit wird, entsteht ein Problem. Auch derjenige, der sich als Unterdrückter versteht, kann unrecht haben. Und wenn die eigene Gewissheit Gewalt legitimiert, können Rechtsextreme oder religiöse Fundamentalisten dieselbe Logik für sich beanspruchen.

Die damit verbundene Parteinahme für Schwächere ist mir dennoch wichtig. Vielleicht die wichtigste Grundemotion für Linke: Man will alle Verhältnisse umwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Um hier mal Marx zu bemühen. Das Problem ist nur, dass es oft nicht so intuitiv funktioniert. Auch Unterdrückte und Schwache können schlechte Dinge tun. Ausgebeutete Männer können ihre Frauen unterdrücken, Leute, die Rassismus erleben, können reaktionäre Ideen vertreten. Wer unten ist, hat nicht automatisch recht.

Trotzdem war an dieser autonomen Kultur keineswegs alles Unsinn. Wie  gesagt, es wurde viel diskutiert. Die Leute waren zum Teil verblüffend ehrlich zu sich selbst. Ich finde es wichtig, sich gegen Rechtsextremismus zu engagieren. Ich finde außerdem immer noch, dass Ausbeutung in Betrieben zum Kotzen ist und dazu Leute aus ihren Wohnungen zu werfen. Ich weiß, dass in der internationalen Politik und Wirtschaft brutale Gewalt und niedrigste Intrigen alltäglich sind. 

Pippi Langstrumpf, Liselotte Meyer und das Kind mit der Zwille erkennen Ungerechtigkeit auf einen Blick. Aber um eine bessere Gesellschaft zu schaffen, braucht man mehr. Eine linke politische Theorie muss für mich heute die Frage beantworten, wie wir Lebensmittel in die Läden bekommen, Wohnungen bauen und Medikamente herstellen und das so organisieren, dass Menschen dabei möglichst frei und gleich leben können. Klauen gehen, auf Konzerten Pogo tanzen und Nazis schlagen reicht dazu nicht.

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