Für Der letzte Linke schreibe ich hier über Erfolgsratgeber, die meinem Sohn irgendwann erklären wollen, was ein Mann ist und wie er Erfolg haben soll. Und darüber, was ich ihm lieber mitgeben möchte.
Mein Sohn ist erst fünf Monate alt. Aber lange wird es nicht dauern, bis er auf Männer stößt, die ihm erklären wollen, wie er erfolgreich und männlich werden kann. Und überhaupt, wie die Welt funktioniert. Solche Stimmen gab es schon zu meiner Zeit. Ich fand sie als junger Mann auch eine Zeitlang überzeugend. Es kann gut sein, dass ich zu genau dieser Zeit wenig Einfluss auf ihn haben werde. Bis dahin hoffe ich, dass er gelernt hat, ein paar Dinge zu durchschauen.
Zum Beispiel das „Scheinwahrheitssandwich“.
Das Scheinwahrheitssandwich
Es gibt besonders bekannte und besonders schlechte Erfolgsratgeber. Zum Beispiel den jammerigen Frauenhasser Andrew Tate oder den ebenfalls jammerigen Psychologen Jordan Peterson, über den ich für die Berliner Zeitung mal geschrieben habe.
Diese Leute haben eine Methode gemeinsam, und mit ihnen tausende kleine und mittelgroße Influencer, die auch ein Stück vom Kuchen wollen: Sie verpacken krasse Aussagen in mehrere offensichtlich sinnvolle Aussagen. Wie ein Sandwich halt. Aus mehreren Scheiben sinnvoller Aussagen und einem krassen und extrem einseitigen Kern wird eine Scheinwahrheit.
Jordan Peterson sagt zum Beispiel: Räum dein Zimmer auf. Mach Sport. Übernimm Verantwortung für dein Leben. Das sind sehr gute Ratschläge. Aber nichts wirklich Besonderes. Man denkt: Das ist vernünftig. Und dann kommt die Wurst aufs Brot. Die steile These, wegen der man ihm überhaupt zuhört.
Bei Peterson gehört dazu der Vergleich von Menschen mit Hummern. Auch sie lebten in Hierarchien, ihr Serotoninhaushalt reagiere auf Aufstieg und Niederlage, also seien Hierarchien uralt und tief in der Biologie verankert. Männer sollten deshalb aufrecht und breitschultrig durchs Leben gehen, in der Hierarchie aufsteigen und sich so auch für Frauen attraktiver machen.
Das Problem: Peterson sucht sich aus der riesigen Vielfalt tierischen Verhaltens genau das Beispiel heraus, das zu seiner Theorie passt. Andere Arten leben viel weniger oder gar nicht hierarchisch, und selbst beim Serotonin funktioniert der Vergleich schlecht: Bei Hummern fördert es Aggression, beim Menschen wirkt es ganz anders. Sein Konzept stimmt hinten und vorne nicht. Hier könnt ihr nachlesen, wie eine Biologin der Washington Post Petersons Aussage etwas belustigt auseinandernimmt.
Aber klar: Gewinnen macht Spaß, verlieren nicht. Das stimmt ja. Das ist der Wahrheitskern an der Aussage. Und verbunden mit den an sich hilfreichen Tipps zu Ordnung und Verantwortung und aufrechtem Gang empfinden viele das als hilfreich. Das Problem ist, dass man, wenn man in diese Stulle beißt, furchtbar viel dummen und gefährlichen Quatsch mitschluckt.
Beispielsweisebeschreibt Peterson Ordnung als männlich und Chaos als weiblich und schreibt buchstäblich, die Erlösung von Männern und Frauen komme „durch das Männliche“, weil das Männliche für das Individuum stehe.
Aus einigen teilweise richtigen Beobachtungen über Unterschiede, Konkurrenz und Hierarchien wird so eine reaktionäre Theorie darüber, wie Männer, Frauen und Gesellschaft angeblich von Natur aus funktionieren.
Bei Andrew Tate ist das Scheinwahrheitssandwich noch übler: Zwischen Disziplin, Sport, Geldverdienen und Selbstvertrauen packt er offene Frauenverachtung. Er erklärt Frauen zum Eigentum von Männern, gibt Vergewaltigungsopfern eine Mitschuld und gibt Tipps, wie man Frauen dominiert und unterwirft.
Mich interessieren aber nicht nur diese offensichtlichen Fälle. Manchmal sind die Leute relevanter, bei denen mein Sohn oder ich erst beim zweiten Hinsehen merken, was wir da alles mitessen sollen.
Der Schreib-Erfolgscoach
Auf Substack habe ich mir dazu einen Text herausgesucht, der mir immer wieder angezeigt wird. Der Autor ruft nicht zum Frauenhass auf und verbreitet keine rechtsextreme Propaganda. Ich finde den Text trotzdem schlecht. Und er klingt wie zehntausende Texte und Videos dieser Art.
Er verspricht Erfolg. In diesem Fall beim Schreiben. Man solle dazu ganz bestimmte menschliche Bedürfnisse bedienen. Das Bedürfnis nach Status, Selbstvertrauen, Sicherheit und so weiter. Aber schon dieser Rat ist nicht wahnsinnig schlau. Man soll halt dahin gehen, wo die Nachfrage groß ist. Klingt vernünftig. Nur ist dort auch das Angebot riesig. Es gibt Unmengen an Büchern, Podcasts, Newslettern und Coaches darüber, wie man reich, erfolgreich, produktiv, selbstbewusst oder ein besserer Mann wird. Der Tipp lautet also ein bisschen: Geh dahin, wo schon alle sind.
Noch interessanter und manosphere-hafter wird es bei den Begründungen, mit denen er seine Behauptungen ausschmückt. Männer wollen Status. Klar. Viele Frauen wünschen sich mehr Selbstvertrauen. Klar. Biologie spielt bei unserem Verhalten eine Rolle. Auch klar. Und dann rutscht man von diesen banalen Wahrheiten zu der Behauptung, das „männliche Säugetier“ strebe wegen seines „300.000 Jahre alten limbischen Systems“ nach Status, während Frauen zu einem eigenen „Kern-Markt“ des Selbstvertrauens gehören. Das ist wieder das Scheinwahrheitssandwich: offensichtliche oder plausible Aussagen, vermischt mit steilen und teils einfach falschen Behauptungen.
Natürlich wollen viele Männer Status. Viele Frauen wollen selbstbewusster sein. Und natürlich spielt Biologie eine Rolle. Aber Frauen wollen ebenfalls Status, Geld und Einfluss. Männer wollen Selbstvertrauen, Nähe und Resonanz. Die meisten Dinge wollen Männer und Frauen einfach beide, manchmal im Durchschnitt unterschiedlich stark.
Der Autor macht daraus zwei gegensätzliche Wesen. Und das ist halt rückschrittlicher Quatsch. Ja, es gibt im Durchschnitt psychologische Abstände. Aber Männer und Frauen sind keine zwei Sorten Menschen. Die Übergänge sind fließend, die Überschneidungen riesig, und dann kommen noch Erziehung, soziale Lage, Erfahrungen, der eigene Kopf und der ganze Rest dazu.
Aus solchen Unterschieden macht die Manosphere eine einfache Gebrauchsanweisung: Männer müssen stark sein, führen, Muskeln haben, ihr Ding durchziehen. Dann respektieren Frauen sie und die Jungs fühlen sich endlich wie richtige Männer. Auch daran ist nicht alles falsch. Sport ist gut. Selbstvertrauen in Maßen auch. Wer zu sich steht und etwas kann, wirkt oft attraktiver als jemand, der unter Selbstzweifeln leidet.
Selbst die Affen sind komplizierter
Dafür braucht man aber keine Alpha-Mann-Ideologie. Selbst beim Wolf ist die Alpha-Erzählung schief: In freier Wildbahn führen meist die Elterntiere gemeinsam, statt sich permanent in einer Hackordnung nach oben zu kämpfen. Bei Schimpansen gibt es tatsächlich Alpha-Männchen und harte Rangkämpfe. Trotzdem reicht Aggression allein nicht: soziale Bündnisse verbessern die Chancen auf Rang und Nachwuchs. Männchen pflegen enge Beziehungen, teilen Essen und trösten einander nach Konflikten.
Und ohnehin gibt es in der Natur nicht die eine männliche Strategie. Tiere kämpfen und kooperieren, leben allein oder in Gruppen, kümmern sich um Nachwuchs oder lassen es bleiben. Menschen setzen noch einen drauf: Wir haben oft die Wahl. Wir gründen Firmen, ziehen Kinder groß, schreiben Gedichte, gehen boxen, lesen Hegel und verbringen drei Stunden damit, darüber nachzudenken, warum jemand bei WhatsApp nur „ok“ geschrieben hat.
Deshalb habe ich kein Problem mit dem Satz: Viele Männer wollen Status. Klar wollen sie den. Ich auch. Meine Nichte auch, und zwar wahrscheinlich mehr als ich. Das Problem ist, dass noch sehr viel anderes gleichzeitig wahr ist.
Ich hoffe, dass mein Sohn das später durchschaut: Wenn ihm jemand erklärt, wie Männer sind, soll er nicht nur den faktischen Wahrheitsgehalt prüfen, sondern auch, was bei dieser Erklärung alles verschwindet.
Erfolg ist eine schöne Sache
Bei all der Kritik und der Vorsicht will ich aber auch, dass mein Sohn erreicht, was er möchte. Ich werde ihm nicht erzählen, dass Geld nicht wichtig oder Erfolg etwas Schlechtes ist. Wenn er später reich werden will, soll er inschallah reich werden. Wenn er ein Unternehmen gründen, berühmt werden, Karriere machen will, more power to him. Wir leben nun mal im Kapitalismus. Dann soll er wenigstens möglichst viel von den guten Seiten davon erwischen und möglichst wenig von den beschissenen. Und falls für seinen Vater dabei noch ein Häuschen am See abfällt, werde ich mich dem Klassenverrat nicht verweigern.
Er muss das alles aber nicht. Er darf auch wie sein Vater das Schreiben und Denken und Spaziergänge mit dem Hund lieben, ohne dabei wirklich Geld zu machen. Das ist seine Sache. Und wenn er doch einen großen Drang hat, es „zu schaffen“, soll er ruhig daran glauben, dass er es schaffen kann.
Die Vorbilder
Ich finde es völlig vernünftig, erfolgreichen Leuten zuzuhören. Wenn jemand drei Unternehmen aufgebaut hat und ich selbst eins gründen will, kann der mir wahrscheinlich mehr darüber erzählen als jemand, der den ganzen Tag nur rumkritisiert. Es gibt tatsächlich auch recht gute Erfolgsratgeber. Die machen allerdings keine crazy Versprechen.
Scott Galloway gehört zu diesen Stimmen. Er ist reich geworden, hat Unternehmen aufgebaut und auch welche gegen die Wand gefahren. Und er redet offen darüber, dass sein Erfolg nicht nur mit Talent und harter Arbeit zu tun hatte, sondern auch mit Glück, Herkunft und dem richtigen Zeitpunkt.
Hart arbeiten tun viele. Wenn harte Arbeit reich machen würde, wären Holzfäller alle reich, habe ich mal irgendwo gelesen. Man braucht Glück: die richtige Familie, Gesundheit, Geld, Bildung, Kontakte, den richtigen Pass, den richtigen Zeitpunkt. Auch Talent und Energie sind zu einem wesentlichen Teil Glückssache. Robert Frank hat darüber geschrieben, wie sehr wir diesen Anteil am Erfolg unterschätzen.
Wenn mein Sohn einmal so erfolgreich ist, soll er das wissen. Und gleichzeitig stolz auf seinen Erfolg sein.
Für mich passt das gut zu meiner linken Haltung. Am liebsten würde ich ihn in einer Gesellschaft aufwachsen sehen, die viel freier und egalitärer ist als unsere. Ich hoffe, dass er diese Vision mit mir teilt. Aber es nützt niemandem, wenn es ihm in unserem System aus Prinzip schlecht geht.
Er wird es so machen, wie er es für richtig hält
Mein Sohn ist fünf Monate alt. Ich habe keine Ahnung, was für ein Mensch er einmal wird. Es kann sein, dass er mit 15 irgendeinen Männererklärer großartig findet, den ich für einen Vollidioten halte. Das Recht auf eigene Wege hat er. Ich fand solche Sachen schließlich selbst einmal überzeugend.
Mir wäre trotzdem lieber, wenn er in seiner Identität und in seiner Menschlichkeit so sicher wäre, dass ihm niemand erklären muss, wie ein richtiger Mann zu sein hat. Vielleicht will er auch gar kein Mann sein.
Und wenn ihm jemand eine sehr einfache Erklärung für Erfolg, Männer, Frauen und den Rest der Welt anbietet, hoffe ich, dass er das Scheinwahrheitssandwich erkennt, bevor er die ganze Stulle gegessen hat.
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