Mein Bruder sammelte früher Briefmarken. Auf eine davon war er besonders stolz: Hitler war darauf abgebildet. Ich erinnere mich noch gut an eine Szene. Wir saßen in Beirut am Küchentisch. Mein Bruder zeigte mir und meinem Onkel Nabil die Briefmarke. Ich sehe Nabil nicken, mit dem Finger auf die grüne Briefmarke zeigen und im Brustton auf Arabisch erklären: „Das war ein guter Mann!“
Ich hatte damals keine Ahnung, warum mein Bruder, der deutlich älter ist als ich, die Augenbrauen zusammenzog und empört widersprach. Nein, das ist natürlich kein guter Mann, rief er. „Der hat viele Menschen umgebracht.“ Ich glaube nicht, dass sich daraus eine längere Diskussion entwickelte. Dafür war mein Onkel nicht der Typ. Wahrscheinlich hat er nur so etwas wie „doch“ gesagt und die Diskussion war erledigt.
Wie stellst du dir Onkel Nabil vor?
An dieser Stelle möchte ich eine Zwischenfrage stellen: Wie stellst Du dir meinen Onkel Nabil vor? Wie sieht er aus, wie ist er drauf? Was denkt er über Frauen und Juden und Religion?
Ein paar von Euch werden sagen, dass sie sich gar nichts vorstellen, weil sie ihn ja nicht kennen. Aber da würde ich spekulieren, dass ihr da ein wenig unehrlich seid. Menschen neigen üblicherweise dazu, sich sehr schnell ein Bild zu machen. Eines, das verblüffend präzise ausgemalt sein kann. Das tun Menschen nicht, weil sie doof sind, sondern weil das Gehirn schlecht auf Leerstellen klar kommt. Ich kann natürlich nicht wissen, was genau du dir vorgestellt hast. Aber viele von euch werden sich wohl einen konservativen, muslimischen Mann vorstellen, der antisemitisch ist und findet, Frauen sollten sich benehmen und ordentlich Kinder gebären. Wenn das bei dir nicht so war, herzlichen Glückwunsch. Ich kann nur sagen, dass Forschung immer wieder zeigt, wie sehr Araber und Muslime negativ über genau solche Bilder eingeschubladet werden. Keine Sorge, ich will keine Statistiken wälzen und dir auch nicht unterstellen, eine rassistische Person zu sein. Ich nutze nur das Beispiel, genauer über bestimmte Schubladen nachzudenken.
Vielleicht löse ich dazu mal das Rätsel um Onkel Nabil auf. Er trug keinen Islamistenbart, sondern einen sehr stylischen, dünnen Oberlippenbart zur Halbglatze. Und dazu lächelt er in meiner Erinnerung verschmitzt. Er trug weder Khamis noch Turban, sondern teure dunkelblaue Jeans, bunte Hemden und Anzugschuhe.
Aufgrund seiner Zustimmung zu Hitler könnte man annehmen, dass er antisemitisch war. War er vielleicht auch. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass er je über eine jüdische Weltverschwörung oder eine Finanzelite gesprochen hätte, die hinter den Kulissen die Welt kontrolliert. Er war auch nicht antiwestlich oder konservativ. Vielmehr benutzte er etwas zu oft französische oder englische Begriffe. Im Restaurant schnippste er nach der Bedienung und rief „maître!“, wenn er was brauchte oder bezahlen wollte. Einmal flog er auf eine Geschäftsreise nach Florida und machte mich neidisch mit Fotos von ihm und einer sehr großen Micky Maus bei seinem Besuch in Disney World.
Seine Aussage über Hitler war natürlich widerwärtig und sie verharmlost Antisemitismus. Darum hat sich mein Bruder damals auch so aufgeregt. Ob und in welchem Maß antisemitische Ideologie bei meinem Onkel eine Rolle spielte, kann ich heute nicht zuverlässig sagen. Ich glaube aber, dass sich sein Spruch besser mit einer Mischung aus Wir-gegen-sie-Denken, der geopolitischen Lage und einer grandiosen Unreflektiertheit erklären lässt als mit einem antisemitischen Weltbild. Israel hatte ungefähr zu dieser Zeit den Libanon mal wieder angegriffen und unterdrückte ganz generell die Palästinenser brutal, so die landläufige Meinung unter vielen Libanesen.
Worauf ich aber raus will: Ich nehme an, das Bild, das du dir spontan von meinem Onkel Nabil gemacht hast, unterscheidet sich erheblich von meinem echten Onkel Nabil. Schon klar, woher willst du auch wissen, wie er war? Das ist kein Vorwurf. Ich möchte damit nur illustrieren, dass die meisten von uns sehr starke Vorstellungen von bestimmten Gruppen haben. Ich finde es ein bisschen schwierig, das als „rassistisch“ zu bezeichnen, wenn man auch die Rassentheorien der Nazis und Kolonisatoren als rassistisch bezeichnet. Aber es ist halt auch nicht nicht rassistisch.
Die Kultur der Araber
Hört man „Moslem“ oder „Araber“, verbinden die meisten damit etwas Negatives. Irgendwie frauenfeindlich, rückständig, antisemitisch und so weiter. Und meistens sprechen wir dann von der „Kultur“ bestimmter Länder. Oder wir sprechen gleich von „kulturellen Unterschieden“. Ich selbst bin mit deutscher Kultur als Deutscher aufgewachsen. Wir haben schon immer zu Hause deutsch gesprochen, aber mit Verwandten und auf der Straße arabisch. Ich war in Beirut bis zu meinem zehnten Lebensjahr an einer deutschen Schule, der „Deutschen Schule Beirut“. Ich konnte bis zu unserem Umzug nach Deutschland das „R“ nicht rollen. Im Gegensatz zu meinen Geschwistern, die sich eher als arabisch verstehen, glaube ich. Als ich zehn wurde, sind wir vor dem Bürgerkrieg im Libanon in die Heimat meiner Mutter in eine schwäbische Kleinstadt gezogen. An den „Fuß der schwäbischen Alb“, quasi.
Die Kultur der Deutschen
Heute fühle ich mich eher als Friedrichshainer oder als jemand, der links und freiheitsliebend ist. Ist es also ein „kultureller Unterschied“, dass ich die Haltung von Onkel Nabil zu Hitler zum Kotzen finde? Ein bisschen bestimmt. In Deutschland sagt man das nicht so einfach. Obwohl. Ich habe mal für ein paar Monate bei Daimler in der Achsschenkelschmiede in Sindelfingen gejobbt. Das gab sehr gutes Geld. Wir hatten dort einen Meister. Also einen Handwerksmeister. Ein kleiner Mann mit grauem Kittel. Der hatte zur Nazizeit als 14-Jähriger dort gearbeitet. Auf breitem schwäbisch erzählte er mir von „de Zwangsarbeiter“. „Die wared immr ganz bloich“ – die waren ganz bleich. Eine interessante und erschreckend präzise Beobachtung, fand ich immer. Und dabei grinste er ein bisschen. Ich konnte nicht deuten, warum. Der Meister war so einer, der fand, dass die Deutschen mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust auch nicht mehr „Dreck am Stecka“ hätten als andere Völker. Und die Autobahnen seien ja trotzdem eine gute Idee gewesen. Ähnliche Sprüche habe ich in der schwäbischen Provinz oft genug gehört. „Des wär beim Adolf ned bassiert!“.
Also, wie ist es nun mit den kulturellen Unterschieden? In genau diesem Fall war der Meister meinem Onkel Nabil deutlich näher als mir. Aber vielleicht lag das einfach am Alter. Neulich habe ich mich mit Stefan länger unterhalten. Einem jungen Mann, der im Schlüsselladen nebenan arbeitet. Er meinte dann, Verbrecher müssten viel härter bestraft werden. Ich habe ihn gefragt, was er konkret meint. „Naja, wer andere bestiehlt oder zusammenschlägt, der muss für mindestens zehn oder zwanzig Jahre ins Gefängnis! Damit er es auch spürt! Oder länger! Und da nichts mit Fernsehern und Fitnessraum. Einfach von morgens bis abends arbeiten!“ Ok, der hat jetzt nicht gesagt, dass Hitler ein guter Mann war, aber es klang schon deutlich nach autoritären Bestrafungsgelüsten.
Mein Punkt ist: In jedem Land gibt es ganz verschiedene Leute. Vermutlich hast du, als du von Stefan oder dem Achsschenkelmeister gehört hast, gedacht: Ja, klar. Solche Leute gibt es. Aber das sind ja nicht alle Deutschen. Der eine ist alt, der andere halt vielleicht ein komischer Typ. Das stimmt auch. Andererseits hat ein Viertel der jungen Männer bei den letzten Bundestagswahlen die AfD gewählt. Außerdem: Denkst du auch so differenziert, wenn es um meinen Onkel Nabil geht?
Man neigt dazu, Leute aus der eigenen Gesellschaft als Individuen zu sehen. Leute aus anderen Ländern werden schnell zu Repräsentanten ihres Landes oder ihrer Kultur. Geht mir auch so. Ich komme im Urlaub in Griechenland an, der erste Taxifahrer ist unfreundlich und schon denke ich: „Die sind aber unfreundlich, die Griechen!“
Wenn Onkel Nabil Hitler gut findet, suchen wir die Erklärung schnell in seiner Herkunft oder seiner „Kultur“. Wenn Stefan aus dem Schlüsselladen Scheiße labert, dann ist der halt ein komischer Typ, der mal ein Buch in die Hand nehmen könnte. Wie gesagt, der Spruch meines Onkels hat schon zum Teil etwas mit seiner Herkunft zu tun. In Deutschland gibt es jedenfalls eine viel stärkere Norm, Hitler nicht positiv darzustellen und Antisemitismus nicht offen zu äußern. Nicht offen, halt.
Kultur ist kein Programm, das man abspult
Jedenfalls kannst du dir den Großteil von Onkel Nabils Persönlichkeit nicht aus seiner Herkunft ableiten. Darin sind wir uns hoffentlich einig. Denk an den Versuch am Anfang des Textes. Vermutlich hast du nichts von seiner Liebe für Micky Maus, Bluejeans und dem Bleistiftbärtchen gewusst.
Der ist ja kein Roboter, der einfach ein Programm namens „arabische Kultur“ abspult. Onkel Nabil ist ein Mensch, der von kulturellen Mustern geprägt ist, aber auch von ganz vielen anderen Dingen: seiner Familie, seinen Erfahrungen, seiner sozialen Lage, seiner Generation und was weiß ich noch. Und nebenher hat er auch noch seinen eigenen Kopf.
Es gibt kulturelle Muster und kulturelle „Unterschiede“. Das zu leugnen ist Quatsch. Sprache, Erziehung, Religion, Normen, Essgewohnheiten oder Vorstellungen von Familie prägen Menschen. Es wäre unsinnig zu behaupten, all das hinterlasse keine Spuren. Empirische Forschung findet außerdem immer wieder durchschnittliche Unterschiede.
Muslime in Deutschland vertreten bei manchen Fragen im Durchschnitt konservativere Ansichten als Nicht-Muslime. Gleichzeitig kann bei anderen Unterschieden die soziale Lage wichtiger sein, und auch die Stärke der Religiosität spielt eine Rolle. Wenn man solche Unterschiede nicht sieht, kann man etwas Wichtiges nicht begreifen.
Klar gibt es kulturelle Unterschiede
Viele liberale Deutsche (ich mag liberale Deutsche! Das ist kein Liberalenbashing!) neigen manchmal dazu, aus der berechtigten Sorge heraus, Leute aus anderen Ländern auszugrenzen, so zu tun, als gäbe es keine kulturellen Unterschiede. Gerade für Leute aus der ersten Generation kann das aber schlimm sein.
Der Soziologe Aladin El-Mafaalani erzählt, dass seine aus Syrien eingewanderte Mutter sich freut, wenn sie gefragt wird, woher sie kommt. Für sie ist das Interesse an ihrer Herkunft auch ein Interesse an ihr. Er selbst, der in Deutschland aufgewachsen ist, reagiert schon etwas gereizter, aber noch nachsichtig. Seine Töchter dagegen, die hier geboren wurden und sich selbstverständlich als Deutsche verstehen, stresst die Frage. Denn sie impliziert, dass sie nicht dazugehören.
Das ist eigentlich logisch. Für die erste Generation ist das Land, aus dem sie kommt, oft noch ein sehr konkreter Teil ihres Lebens. Leute, die ihre Kindheit in Damaskus verbracht haben, sprechen eine andere Sprache, essen anders, lachen über andere Witze und haben Erinnerungen an eine andere gemeinsame Lebenswelt. Bei ihren Kindern und Enkeln kann dieselbe Frage dagegen bedeuten, dass sie trotz allem immer noch als fremd angesehen werden. Dabei gehört die Geschichte ihrer Familien zur Geschichte Deutschlands.
Schon an diesen drei Generationen sieht man, wie schwierig es ist, von einer festen „Kultur“ zu sprechen. Es gibt Kulturen und kulturelle Unterschiede. Das Problem ist, wir neigen dazu, sie zu vereinfachen. Manche treiben diese Vereinfachung so weit, dass nur eine Karikatur übrig bleibt. Sie wissen wenig über ein Land, aber umso genauer, wie „die Leute dort“ angeblich sind. Oft ist die Vorstellung, die wir von der Kultur eines Landes haben, ein Sammelbecken für unsere Vorurteile und Wissenslücken.
„Kultur“ ist in Wirklichkeit eine sehr komplizierte Sache. Wer kann schon sagen, was „die deutsche Kultur“ ist? Man kann einzelne Beispiele und Begriffe einwerfen, aber so richtig weiß man es nicht. Die deutsche Kultur ist wie die Kultur anderer Länder immer in Bewegung. Sie hängt von ganz vielen Einflüssen wie der Wirtschaftslage, historischen Erfahrungen, dem Internet, individuellen Entscheidungen, Zufall, amerikanischen Serien und K-Pop ab. Die deutsche Kultur heute unterscheidet sich krass von der deutschen Kultur der 1950er Jahre.
Oder besser kulturelle Abstände
Der Sinologe und Philosoph François Jullien spricht deshalb lieber von „kulturellen Abständen“. Das gefällt mir, weil ein Abstand nicht automatisch zwei klar voneinander getrennte Kulturen voraussetzt. Wenn man von kulturellen Unterschieden spricht, sucht man schnell danach, was „die Deutschen“ von „den Arabern“ unterscheidet. Ein Abstand kann dagegen je nach Person, Milieu und Lebensbereich größer oder kleiner sein.
Was ist also der kulturelle Abstand zwischen mir jetzt und meinem Onkel Nabil früher? Es gibt ihn. Bei der Bewertung Hitlers ist der Abstand riesig. Aber dieser Abstand ist kein Graben zwischen zwei geschlossenen Kulturen und schon gar keine vollständige Erklärung für zwei Individuen. In anderen Fragen stehe ich meinem Onkel näher als Stefan aus dem Schlüsselladen.
Mein Onkel Nabil ist nicht „die arabische Kultur“. Er ist mein Onkel Nabil. Einer, der Hitler für einen guten Mann hielt, im Restaurant nach dem maître schnippste, mich mit seinem Besuch in Disney World neidisch machte und nicht die hellste Kerze auf der Torte war. Du weißt jetzt etwas mehr über ihn als am Anfang. Aber ziemlich sicher immer noch viel weniger, als ein Teil von Dir glaubt zu wissen.
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