Unsere Lieben ist Sieger

Die goldenen 2000er in Berlin

Den echten Namen des Klubs darf   ich nicht sagen. Aber er klingt in etwa wie „Mickster“. Der Mickster liegt irgendwo zwischen Kreuzberg und Friedrichshain. Unter anderem habe ich dort die „Prohibitionsparties“ mit organisiert. Das waren Zwanzigerjahreparties, nur in dreckig und wild. Da die Prohibition nachgespielt wurde, gab es keinen Alkohol zu verkaufen.

Nur   Wasser und Cola und Mate. Wer nach Alkohol fragte, bekam die Antwort: „Frag die Person neben Dir.“ Geflüstert geteilte Information quasi. Alkohol gab es nämlich doch. Nur zu bestimmten Zeiten. Man wusste, dass es losgeht, wenn das Signalhorn betätigt wurde. Eine Fabriktröte, die früher das Ende der Schicht in der Fabrik verkündete. Heute wird in einem Teil desalten Fabrikgebäudes der Mickster betrieben. Wenn das durchdringende Tröten zu hören war, öffneten sich die grauen Flügeltüren zu einem Fahrstuhl. Darin standen zwei schwitzende und betrunkene Gangster im Anzug und mit Schiebermützen. Die gaben dann etwas hektisch Flaschen mit Bier und Gläser mit Whisky aus. Die meisten Gäste verfielen dabei in eine euphorische Stimmung. Zumindest wirkte es sehr so, denn alle grinsten oder lachten und der gesamte Raum tanzte. Der Raum wackelte, besser gesagt. Die etwas schranzige, aber kraftvolle Anlage spielte Gipsy Jazz und schmutzigen Swing. Ich habe fast nach jeder dieser Feiern von jemandem gehört, dass das jetzt gerade die beste Party ihres Lebens gewesen ist.

Die Feiern im Mickster waren mit sehr viel Liebe gemacht. Und wer kam, musste sich auch liebevoll kostümieren. Leute trugen elegante Kleider, Anzüge mit Hosenträgern, dazu hochgestecke Frisuren, roten Lippenstift oder dünne Bleistiftbärtchen. Mit Jeans und Turnschuhen wurdest Du vom gutaussehenden Türsteher abgewiesen. Das Konzept der Feiern war so ausgelegt, dass die Gäste mitmachten. Indem sie sich kostümierten, anderen das Konzept erklärten und mitspielten. Wir veranstalteten Aktionen, wie eine Schießerei von Gangstern mit knallenden Spielzeugpistolen, und verteilten davor Pistolen. Oder man bekam die Möglichkeit, gegen Mimi mit den Eisenhänden beim Ringen anzutreten. Dieser sah zwar stark aus, war dann aber deutlich schwächer als gedacht und verlor schnell den Kampf.

Keine Kunden-Logik

Kommerzielle Klubs mussten sich nach dem Geschmack irgendwelcher Gäste richten. Die konnten es sich außerdem nicht leisten, nur ein Euro für ein Bier zu verlangen, oder „Gäste anschnauzen“ zu spielen. Ein Volkssport für uns: Wer sein Bier bestellt, indem er oder sie einen Geldschein auf die Theke wirft und „Bier“ blafft, dem wird der Geldschein ins Gesicht zurückgeschmissen mit den Worten: „Nur wenn Du Bitte sagst“. Alleine der erstaunt-empörte Ausdruck auf dem Gesicht des respektlosen „Kunden“ war die Mühe wert. Kunden waren sie nämlich nicht, sondern Gäste. Oder Freunde. Wir verdienten schließlich kein Geld damit. Die Mehreinnahmen gingen an den Verein oder die jeweiligen Leute, die Kunst oder Musik machten. Klar, etwas Geld musste rein kommen, um die Miete und den Strom zu bezahlen, aber das war nicht viel.

Das mit dem Ehrenamt war großartig und manchmal auch ätzend. Es musste nämlich Spaß machen. Manche Arbeiten machen aber keinen Spaß. Beispielsweise bis sechs Uhr morgens alleine an der Tür zu stehen, um keine Arschlöcher hineinzulassen. In einem normalen Job bekommt man dafür wenigstens Geld. Bei uns gab es diesen Ausgleich nicht. Wir machten sie aus Pflichtgefühl und weil sie eben gemacht werden mussten. Dafür feierten wir unserer Meinung nach die besten Parties der Welt.

Die besten Parties der Welt

Zu meiner ersten Feier im Mickster saß ein „kroatischer Bergschäfer“ am Eingang und forderte die ankommenden lautstark zum Chilli-Wettessen auf. Innen stampfte der Humpta von dem, was wir Balkan-Musik nannten. Die Menge tobte und kreischte und wir warfen selig lachend Peperoni in das Gewühl und verspritzten Wodka wie Weihwasser, um die Geister zu befreien.

Meine erste eigene Partyreihe hieß „Hanumans Töne“. Es lief Drum und Bass (allzu „gerader“ Techno war verboten), und wir verteilten Masken von indischen Göttern, Totenkopfmasken und Affenmasken. Dazu bliesen wir Muschelhörner. Das treibt ganz schön an. Zu einem bestimmten Zeitpunkt stoppte aber die Musik und zum Sound von Brainticket  von der Band Brainticket erschien dann eine Figur mit langem, gewundenem Stock, einer rätselhaften Maske und einem rauchenden Weihrauchgefäß und ging in langsam durch die Menge. Danach ging es umso wilder weiter. Ich weiß selbst nicht ganz, warum das so gut funktionierte. Vielleicht werden so die Crazy-Atome im Gehirn stimuliert.

Die 2000er Jahre in Berlin

Der Mickster ist ein Kind der 2000er Jahre in Berlin. Die Stadt war voller Leute, die malen, schreiben, tanzen, Musik und die   Revolution machen wollten. Einfach weil sie die Kunst und die Menschen liebten. Leute aus der ganzen Welt kamen hierher, um ein aufregendes und freies Leben zu führen. „Frei“ heißt hier: Nicht dauernd arbeiten müssen, sondern „sein Ding“ machen zu können. Friedrichshain und Kreuzberg waren damals gefühlt das Zentrum dieser Welt.

Das war auch deshalb möglich, weil man in Berlin mit wenig Geld leben konnte. Die Mieten waren noch niedrig, viele wohnten in großen WGs oder in ehemals besetzten Häusern mit guten Verträgen.

Auch sonst konntest Du sehr günstig leben, wenn Du wolltest. Du bekamst für vier Euro beim „Asia-Restaurant“ ein Essen oder den berühmten Döner für einen Euro. Die vielen linken Voküs boten gesunde, aber meist etwas langweilige Mahlzeiten für Einsfünfzig an. Der Eintritt für Parties und Konzerte kostete meist wenig. Im Mickster galt die Regel, dass der Eintritt nicht mehr als vier Euro kosten darf. Und Orte wie unseren gab es viele. Das lag auch daran, dass es überall noch Keller, alte Fabriken, Brachen und andere verfügbare Räume gab. Orte auf denen nicht wie heute Investoren saßen, die das Ganze als heißes Anlagebojekt behandelten. Selbst die Behörden habe ich in Berlin damals als nachsichtiger erlebt.

Wir konnten dadurch viel mehr als heute tun, was wir für richtig hielten. Feiern, schreiben oder wochenlang einer verrückten Idee arbeiten.

Und dazu kam eine Kultur, in der Geld und kommerzieller Erfolg wenig zählten. Anerkennung bekam man eher dafür, etwas zu machen, das andere interessant, schön oder aufregend fanden. Man sah, was die anderen machten, half mit, ging hin, feierte mit. So entstand Gemeinschaft.

Diese Berliner Welt bestand aus vielen solchen Orten und Szenen. Ich ging oft nachts die Revaler Straße entlang ins Rosis zum „Basssport“. Die Drum und Bass Reihe des Rosis. Auch hier tanzte der gesamte Raum. Der   Breakbeat war so gut, dass er etwas in meinem Magen auslöste. Ich musste dann beim Tanzen ganz laut schreien, weil ich sonst geplatzt wäre und andere schrien und lachten mit. Der kondensierte Schweiß der Tanzenden tropfte irgendwann wie Nieselregen von der Decke. Der Tanzstil war damals noch weniger smooth, nicht das Wiegen von einem Bein zum anderen, sondern wilder. Es gibt aus dieser Zeit einige Youtube-Videos: „Church of Drum and Bass“. Darin sind Leute zu sehen, die bei Veranstaltungen von schwarzen Kirchen in rasende Ekstase verfallen. Darüber ist ein Drum and Bass – Stück gelegt. Ich schwöre, genau so haben wir getanzt. Genau so.

Es gab verschiedene Szenen, Drum and Bass, Techno, Kunst und vieles andere. Man sah Leute immer wieder, konnte aber genauso gut verschwinden und tief in ein Berliner Nachtleben eintauchen, in dem man anonym war.

Ich liebte den weit verbreiteten Umgang auf Augenhöhe. Zumindest in dieser Welt wurde jeder geduzt. Man konnte sich auch ziemlich direkt widersprechen oder streiten. Aber auch das liebte ich.

Man fand   in Friedrichshain Orte wie das „Kino durchs Fenster“. Das waren ein paar Leute, die Filme liebten. Du bist durch ein Hausfenster eingestiegen, hast einen Euro Eintritt gezahlt und dich auf ein verschlissene Sofas oder einen Sessel gesetzt. Wenn du den vielen Zigarettenrauch ertragen konntest. Techno war damals schon groß und wurde immer größer. Ich mag Techno nicht, aber die Leute waren nett und sie feierten gute Parties, darum ging ich trotzdem öfter hin. Die Bar 25 war ein wunderschöner Ort aus viel Holz und nah am Wasser, mit Schaukeln und wahnsinnig freundlichen und fantasievollen Leuten.

Rund um die Warschauer Brücke gab es noch viele Brachen. Die Wände waren oft unverputzt. Keine riesigen Malls, keine Arenen, dafür alte Gebäude, angemalte Häuser und eine unglaubliche Dichte an Klubs und Kneipen. Es war rau und dreckig und trotzdem wollten alle dahin. Immer wieder gab es irgendwo Technoparties in riesigen alten Lagerhallen, von denen du nur erfuhrst, wenn du die richtigen Leute kanntest oder in den richtigen Verteilern warst. Man bekam eine Adresse, manchmal auch nur einen ungefähren Ort, und fuhr dann nachts dahin.

Jedes Jahr fieberten wir auch auf die Schlacht an der Oberbaumbrücke hin. Da trafen sich mit Schaumstoffknüppeln bewaffnete aus Kreuzberg und Friedrichshain zu einer Schlacht. Beide Seiten versuchten, die anderen mit Wasser, Mehl, Tomaten und anderen Wurfgeschossen zurückzudrängen. Es wurden sogar Gemüseschleudern und Wasserwerfer eingesetzt. Friedrichshain und Kreuzberg erklärten den jeweils anderen Ortsteil zum abtrünnigen Gebiet. Kreuzberg nannte Friedrichshain „Ostkreuzberg“, Friedrichshain Kreuzberg „Unterfriedrichshain“. Ziel war jeweils die Wiedervereinigung unter eigener Führung. Gesiegt hat immer das freie Großfriedrichshain.

Überall spielte auch Politik eine Rolle. Fast an jedem Ort   klebten Antifa-Aufkleber oder wurden irgendwie   linke Veranstaltungen beworben. Die linken Demos waren groß. Ich weiß nicht genau warum, aber das Nachtleben von Berlin war   stark verbunden mit linken Leuten und linken Themen. Die 1990er Jahre mit den vielen Hausbesetzungen und den vielen leerstehenden Häusern waren noch nahe. Linke Ideen waren für mich auch ein Grund, beim Mickster mitzumachen.

Ent-Entfremdung und Freiheit

Wenn wir Tag für Tag an etwas arbeiten, schaffen wir nicht nur irgendetwas. Wir stecken selbst darin. Und wenn wir Sachen machen, die uns nichts bedeuten, nur damit sie Geld einbringen, fühlt sich das grau und tot an. Für mich zumindest. Im Mickster war es anders. Der war ein lebendiger Ort. Wir machten gemeinsam Dinge, die wir wirklich gut fanden. Neue Dinge. Jeder brachte etwas von sich hinein, wir sahen einander, und zusammen entstand etwas, das keiner allein hätte machen können. Das hat sich unglaublich gut angefühlt.

Solche Orte, solche Leute und diese Kultur gibt es zum Glück noch. Auch den Mickster gibt es noch, weil der Hauseigentümer ein komischer Kauz ist, der Plätze wie den Mickster mehr liebt als die Millionen, die er mit einem Verkauf verdienen könnte. Aber wer hat solche Bedingungen heute noch? Die Mieten steigen, der Druck wird größer. Klubs und freie Orte werden gekündigt oder ihnen wird die Miete verdreifacht.

Man könnte mir vorwerfen, dass ich diese Zeit romantisiere. Aber das trifft es nicht. Mir war und ist klar, dass manche die Zeit mit Sicherheit anders erlebt haben. Vieles an dieser Zeit war auch nicht schön. Auch für mich. Aber ich kann dir versichern: Ich habe das Ganze so erlebt.

Wenn ein Raum nicht viel Geld einbringen muss, kann man dort Sachen machen, von denen niemand weiß, ob sie funktionieren. Man kann eine Party veranstalten, zu der am Ende nur dreißig Leute kommen. Man kann Musik spielen, die kaum jemand kennt. Man kann Leute merkwürdige Figuren mit Weihrauch durch den Keller schicken. Man kann sich als Mimi mit den Eisenhänden verkleiden und andere zum Ringkampf herausfordern. Wenn es ein Flop wird, ist es eben ein Flop.

Das war der entscheidende Grund für mich, warum sich Berlin damals so frei und großartig angefühlt hat. Wir brauchten nicht viel Geld zum Leben, es gab Räume, die nicht profitabel sein mussten, und eine Kultur, in der andere Dinge wichtiger waren als kommerzieller Erfolg. Dadurch konnten wir gemeinsam Dinge erschaffen. Einfach, weil wir es gut fanden.

Aus dieser Zeit stammt ein Lied von Boys Noize, das „Frau“ heißt. Die Sängerin singt darin in gebrochenem Deutsch, dass sie vom Space kommt. Und dass sie „will weißen, ob ich kann tun: Meine Lieben ist Sieger“. Ich hatte in dieser Zeit so oft dieses Gefühl. Und es ist geblieben. Wir kamen von space. Und haben  gewonnen. Unsere Lieben ist Sieger!

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