Der Mensch ist dem Menschen manchmal ein Wolf

Mit den Jahren hat sich meine linke Einstellung geändert. Eine dieser Veränderungen beschreibe ich hier. Es geht um die Frage, ob der Mensch gut oder schlecht ist. Und ob man trotzdem links sein kann, wenn man Menschen manchmal scheiße findet.

Die Welt auf Liebe bauen

Mein Linkssein begann im Herzen: Alle Menschen sollten frei und glücklich leben können. Ich glaubte außerdem, dass sie im Grunde gut sind. Das war mir sehr wichtig, als ich noch barfuß und mit im Wind wehenden Dreadlocks durch das schwäbische Reutlingen wandelte.

Aber auch später, teils bis heute, trage ich diesen Wunsch und dieses Vertrauen in die Menschen im Herzen. Und das ist nicht so blöd, wie es auf den ersten Blick klingt. Klar, es gibt Menschen, die sich egoistisch und brutal verhalten. Allerdings erzählen gerade Leute, die ohne viel Geld in der Welt unterwegs sind, ziemlich regelmäßig davon, dass die Menschen fast immer hilfsbereit und freundlich sind. Das war auch meine Erfahrung, als ich später trampend oder mit dem Rucksack in Indien, Laos, Thailand, New York und sogar Bayern auf Reisen war.

Warum verhalten sich manche dann schlecht? Es kommt ganz offensichtlich stark auf die Umstände an, welche Seite eines Menschen sich eher zeigt. Ich beobachte an mir selber, dass ich viel großzügiger und liebevoller bin, wenn es mir gut geht. Das Phänomen kennt ihr alle: Leute lächeln plötzlich viel mehr und sind netter, sobald im Frühling die Sonne scheint und die Blumen blühen. Leute verhalten sich in der Regel besser, wenn kurz vorher jemand grundlos nett zu ihnen war. Umgekehrt bringen schlechte Erfahrungen das Schlechte in ihnen hervor. Die Lösung dafür lautete für mich in meiner besonders entschlossenen Zeit: Baut die Welt auf Liebe auf. Das Böse wird dann verschwinden.

Was, wenn die anderen recht haben?

Nicht alle Linken denken so. Aber ich habe früher gedacht, dass man die Gesellschaft ohne Polizei, Geld und Zwang viel besser hinbekommen würde. Ganz sicher war ich mir allerdings nie. Ich hatte immer Zweifel. Gerade darum konnte ich nie nachvollziehen, dass manche Freunde von mir ganz entspannt längere Texte von Rechtsextremen lesen. Man müsse ja wissen, was die denken.

Klar, man sollte sich mit gegnerischen Argumenten ernsthaft auseinandersetzen und verschiedene Perspektiven mitdenken. Aber es ist doch stressig, sich intensiv mit etwas zu beschäftigen, das einem das ganze Weltbild durcheinanderbringen könnte. Was, wenn die Rassisten doch recht haben und bestimmte Ethnien tatsächlich rückständiger wären? Oder was, wenn es doch stimmt, was Marktfans behaupten: dass eine Wirtschaft nur gut läuft, wenn ganz viel Ungleichheit herrscht?

Aber zu meiner Ehre zwinge ich mich immer wieder dazu, solche Texte zu lesen, solche Argumente anzuhören.

Besonders wichtig wurde mir diese ehrliche Auseinandersetzung, als ich endlich mit 37 das Abi gemacht hatte und sehr spät noch Sozialwissenschaften studieren konnte. Ich habe es geliebt. Vorher hatte ich jahrelang als Heilerziehungspfleger Nachtschichten gemacht und während der Arbeit viel gelesen. Jetzt, an der Uni, war die Zeit, in der ich richtig denken lernen wollte. Darum habe ich mir auch Lehrende gesucht, die mich fordern sollten.

Besonders gut machte das der bekannte Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Sehr netter Typ, tatsächlich. Ich habe mich jedes einzelne Semester bei ihm eingeschrieben. Er nahm sogar meine Masterarbeit ab. Münkler galt uns linken Studierenden damals als rechts. Und er lehrte politische Theoretiker, die wir  für rechts hielten. Carl Schmitt, Machiavelli und ganz besonders Hobbes. Alles sehr kluge Leute.

Der mit dem Wolf

Vor allem mit Hobbes habe ich mich dann intensiver beschäftigt. Thomas Hobbes, das war der mit „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“. Den Spruch hat er zwar nicht erfunden, aber er fasst einen wichtigen Teil seiner Theorie zusammen. Ganz grob: Menschen können einander gefährlich werden, und eine politische Ordnung muss das verhindern. Seine Lösung war ein starker, kaum begrenzter Souverän, der im Eigeninteresse für Ruhe und Ordnung sorgt.

Die Hobbes-Seminare bei Münkler waren hart für mich. In meiner Blase wurde Hobbes so verstanden: Die Menschen sind schlecht und würden sich die Köpfe einschlagen, wenn der Souverän sie nicht davon abhält. Logisch, dass ich das damals für Unsinn hielt.

Tatsächlich hat Hobbes, der den Dreißigjährigen Krieg als Erwachsener miterlebte, nicht gesagt, dass der Mensch von Grund auf böse sei. Ein besonders gutes Menschenbild hatte er zwar nicht. Er betonte die Rolle von Konkurrenz, Misstrauen und Geltungssucht. Klar, wenn man einer Zeit voller grausamer Kriege erlebt, neigt man weniger dazu, das Beste im Menschen zu sehen.

Einige Böse genügen

Entscheidend ist aber etwas anderes: Seine Theorie funktioniert auch dann, wenn die meisten Menschen im Grunde gut sind. Es reicht, wenn einige wenige bereit sind, Gewalt anzuwenden oder ihre Macht rücksichtslos auszunutzen.

Dieser Gedanke hat einiges für mich geändert. Einige wenige Gewalttätige können viele andere in Angst und Misstrauen versetzen. Wenn niemand sie schützt, bewaffnen sie sich, schlagen im Zweifelsfall zuerst zu oder schließen sich einer gewalttätigen Gruppe an. So kann eine Dynamik entstehen, in der am Ende viel mehr Menschen Gewalt anwenden, als ursprünglich gewalttätig waren. In Zombieserien wie The Walking Dead wird das überspitzt dargestellt. Aber solche Dynamiken sind in der Geschichte oft genug entstanden.

Damit war der Einwand meines früheren Hippie-Ichs allerdings noch nicht erledigt. Ich hätte empört entgegnet: Das heißt doch nicht, dass eine herrschaftsfreie und gute Gesellschaft unmöglich ist. Menschen müssten nur endlich die Möglichkeit bekommen, so gut zu sein, wie sie im Grunde ihres Herzens sind. Das kann ich nicht widerlegen. Aber genau darin zeigt sich auch ein entscheidendes Problem: Bisherige Versuche einer herrschaftsfreien Gesellschaft konnten sich gegen bewaffnete Gegner nicht behaupten. Die Gewalt war stärker und verhinderte zugleich, dass man überhaupt herausfinden konnte, ob eine solche Gesellschaft auf Dauer funktioniert hätte. Ich vermute: eher nicht.

Man kann das Böse nicht wegverstehen

Die Dynamik aus Angst und Misstrauen, die Hobbes beschreibt, erklärt außerdem nicht alles. Ein sehr schlechtes Menschenbild ist Quatsch. Ein zu gutes auch. Menschen können beides. Viele tragen ungerechte Verhältnisse mit, weil sie von ihnen profitieren, sich ihnen anpassen oder sie irgendwann für normal halten. So konnten Gesellschaften über lange Zeit Sklaverei tragen und Frauen entrechten. Auch Genozide wurden nicht nur von einer Handvoll fanatischer Täter ermöglicht. In Deutschland und Ruanda beteiligten sich viele Menschen, während andere profitierten, schwiegen oder sich anpassten. Es gab Widerstand, aber er blieb begrenzt.

Andererseits tun Menschen auch sehr viel Gutes. Sie wehren sich gegen Ungerechtigkeit und nehmen Nachteile und Gefahren auf sich, um anderen zu helfen. Die meisten sind im direkten Umgang hilfsbereite Nachbarn, liebevolle Eltern und freundliche Kollegen. Auch viele AfD-Wähler sind im Alltag in Ordnung. Das eine macht das andere nicht unwahr. Menschen können sich an Ungerechtigkeit gewöhnen, die eigene Gruppe bevorzugen und Feindbilder übernehmen. Andere entscheiden sich, zu widersprechen.

Was daraus für mein Linkssein folgt

Gerade weil Menschen beides können, hilft uns die Frage nach ihrem „wahren Wesen“ nicht weiter. Hobbes’ autoritäre Lösung überzeugt mich kaum.Aber er zeigte sehr gut, wie die Verhältnisse, in denen wir leben, unser Verhalten stark beeinflussen können. Wenn niemand sicher sein kann, ob die anderen sich an Regeln halten, kann es für den Einzelnen notwendig erscheinen, rücksichtslos oder gar brutal zu handeln. Was für den Einzelnen nachvollziehbar ist, kann für alle zusammen verheerend sein.

Es geht also gar nicht darum, alle Menschen gut zu machen. Wir brauchen Verhältnisse, in denen Menschen einander vertrauen und zusammenarbeiten können und in denen egoistisches und rücksichtsloses Verhalten sich nicht lohnt. Das betrifft die Wirtschaft, den Rechtsstaat und das Verhältnis zwischen Staaten. Für mein heutiges linkes Denken hat diese Einsicht drei Folgen.

Freundliche Verhältnisse reichen nicht

Die erste Folge ist ziemlich klassisch links: Gute Lebensbedingungen lassen Menschen meist besser handeln. Armut, Diskriminierung, Gewalt oder autoritäre Erziehung können Gewalt und Rücksichtslosigkeit begünstigen. Auch deshalb ist es klug, gute Lebensbedingungen für alle zu schaffen. Genau das wollte mein Herz.

Aber gute Lebensbedingungen reichen nicht. Entscheidend ist auch, welches Verhalten ein  System belohnt und wie es Macht und Geld verteilt. Wenn Menschen nicht automatisch gut mit Macht umgehen, spricht das erst recht dagegen, dass manche extrem reich sind oder sonst wie viel Macht haben.

Der Kapitalismus verspricht, den Eigennutz der Menschen produktiv zu machen. Und manchmal gelingt das auch: Die Konkurrenz kann Unternehmen dazu bringen, bessere und billigere Handys oder Computer-Chips herzustellen. Besonders, wenn Kontrollinstanzen fehlen, setzt sich aber nicht das Unternehmen mit dem besseren Produkt durch, sondern das rücksichtslosere. Wer Löhne drückt, Arbeitskräfte stärker ausbeutet oder auf die Umwelt pfeift, hat meist einen deutlichen Vorteil. Dazu braucht es keine besonders gierigen Kapitalisten. Und die gibt es ja auch noch!

Wer bereits viel Geld und Macht besitzt, geht mit einem enormen Vorsprung in die nächste Runde. Er kann Konkurrenten aufkaufen, Krisen leichter überstehen und politische Regeln zu seinen Gunsten beeinflussen. So erzeugt Reichtum noch mehr Reichtum und Macht noch mehr Macht.

Die Folgen sind gewaltig: immer mehr Produktion und Verbrauch, extreme Umweltzerstörung und eine enorme Konzentration von Geld und Macht. Gerade die USA zeigen, wohin das führen kann. In einem der reichsten Länder der Welt geht es vielen armen Menschen erbärmlich, während Oligarchen immer größeren politischen Einfluss gewinnen. Musk und Trump sind dafür groteske Beispiele. Inzwischen bedroht diese Verbindung von wirtschaftlicher und politischer Macht nicht nur die amerikanische Demokratie, sondern verschärft auch die Unsicherheit in der ganzen Welt.

Das ist eins der wichtigsten Probleme unserer Zeit. In der Vergangenheit haben Rechtsstaat, Sozialstaat und Demokratie geholfen, wirtschaftliche Macht zu begrenzen und die negativen Folgen des Kapitalismus abzufedern. In vielen Ländern wurden diese Gegenkräfte in den letzten Jahrzehnten massiv geschwächt.

Ein langfristiger linker Lösungsansatz, den ich vielversprechend finde, ist eine demokratisch geplante Wirtschaft. Mit den Mitteln digitaler Wirtschaftsplanung könnten Produktion und Verteilung demokratisch organisiert werden, statt sie den Regeln eines oft zerstörerischen wirtschaftlichen Überlebenskampfes zu überlassen.

Dafür gibt es derzeit keine Mehrheiten. Für ein realistischeres Nahziel eher schon: eine starke soziale Marktwirtschaft, in der sehr hohe Einkommen, große Vermögen und große Erbschaften deutlich stärker besteuert werden. Historisch wäre das nichts Neues. In den USA wurden beispielsweise bis 1976 große Nachlässe mit bis zu 77 Prozent besteuert. Das wäre kein perfektes System, aber ein vernünftiges und machbares Nahziel.

Polizei und Rechtsstaat

Zweitens: Früher dachte ich, eine gute Gesellschaft könne ohne Polizei und Zwang auskommen. Das glaube ich nicht mehr.

Natürlich braucht es eine Polizei, die demokratisch kontrolliert wird und selbst an das Recht gebunden ist. Eine freie Gesellschaft muss Menschen vor Gewalt schützen und sich gegen Gruppen wehren können, die andere unterwerfen wollen. Das ist die große Leistung des Rechtsstaats: Er verhindert, dass jeder seine Sicherheit selbst durchsetzen muss, und bindet zugleich die staatliche Gewalt an Regeln.

Verteidigung und ihre Grenzen

Drittens, und da bin ich vielleicht tatsächlich konservativer geworden, glaube ich inzwischen, dass Deutschland eine Armee braucht, mit der es sich verteidigen kann. Es gibt Aggressoren. Russland ist derzeit einer und führt einen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Deutschland selbst war in seiner Geschichte oft genug Aggressor. Das sollte uns misstrauisch machen, wenn Regierungen zum Krieg rufen. Aber es sollte uns nicht unfähig machen, einen Angriff als Angriff zu erkennen.

Viele Kriege wären vermeidbar gewesen. Ihre Ursachen lagen oft in Nationalismus, anderen Formen des Wir-gegen-die-Denkens oder in der Gier nach Macht und Ruhm. Es ist deshalb nicht richtig, ungeprüft zu den Waffen zu greifen, nur weil die eigene Regierung das verlangt. Umgekehrt ist Gewaltverzicht aber auch nicht immer friedlich. Wer einen Aggressor nicht aufhält, überlässt ihm die Gewalt.

Gleichzeitig kann aus der Angst vor einem Feind eine selbsterfüllende Prophezeiung werden. Wer Sicherheit nur noch militärisch denkt, kann immer neue Feinde hervorbringen. Netanyahus Politik in Gaza ist für mich ein Beispiel dafür. Ein anderes ist der Irakkrieg, der eine Diktatur stürzte, aber zugleich neue Gewalt, Hass und jihadistische Gruppen hervorbrachte. Militärische Gewalt kann notwendig sein. Sie kann aber auch einen Krieg verlängern und die nächste Runde der Gewalt vorbereiten.

Langfristig wäre die bessere Lösung eine internationale Ordnung, in der Staaten für ihre Sicherheit nicht mehr allein sorgen müssen. Auch zwischen Staaten bräuchte es verlässliche und solidarische Regeln, demokratische Institutionen und die Möglichkeit, Aggressoren gemeinsam Grenzen zu setzen. Solange es eine solche Ordnung nicht gibt, kann ein Land aber nicht einfach darauf vertrauen, dass alle anderen friedlich bleiben. Darum braucht es eine funktionierende Armee.

Es muss auch mit einem Volk von Teufeln funktionieren

Gerade wenn der Mensch dem Menschen manchmal ein Wolf ist, braucht es Verhältnisse, die Macht begrenzen, Gewalt eindämmen und gutes Handeln erleichtern. Ein guter Staat müsste im Idealfall sogar mit einem „Volk von Teufeln“ funktionieren. Am ehesten traue ich das einem demokratischen und sozialen Rechtsstaat und einer demokratischen Wirtschaft zu.

Mein Herz will immer noch, dass alle Menschen frei und glücklich sind. Ich glaube nur nicht mehr, dass das Gute sich von selbst durchsetzt. Linkssein bedeutet für mich heute, daran zu arbeiten, dass möglichst viele Menschen frei und gut leben können, auch wenn Menschen manchmal scheiße handeln.

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