Zur Zeit überschwemmen rechte Videos meinen Instagram-Feed. Vor allem junge Männer sind zu sehen und die erzählen dann mit einem ich-weiß-es-ganz-genau-Gesicht von den Statistiken, die zeigen, dass Araber und Nafris dumm und böse sind und dass der Feminismus die Geburtenrate in Deutschland zerstört. Zum Glück benutze ich Social Media nur noch auf dem Rechner. Dadurch habe ich etwas Abstand dazu. Aber die Videos regen mich trotzdem sehr auf. Das liegt glaube ich nicht nur daran, dass sie so so viel Unsinn verbreiten, den dann auch noch ein Viertel der deutschen Bevölkerung zu glauben scheint.
Der A-Block
Sie machen mich auch darum wütend, weil sie etwas in mir berühren. Weil ich dieser Art zu denken eine Zeit lang selbst nahe war. Das war in etwa, als ich zwischen 16 und 18 Jahren alt war.
Ich fand damals deren Ideen „interessant“. So wie etliche junge Männer heute auch rechte Influencer interessant finden. Ich war nicht vollkommen rechts. Aber ein Teil von mir war es. Es fühlte sich logisch an: Dass Frauen („vielleicht“ „ein bisschen“) den tiefsitzenden Wunsch haben, sich einem Mann zu unterstellen. Einfach, weil, warum haben Männer sonst seit Menschengedenken die Hosen an? (ich weiß, ich weiß, viele Denkfehler und keine Ahnung von Geschichte! Es regt mich ja auch auf, heute) Oder dass schwarze Menschen von Natur aus fauler oder dümmer sind. Warum sind sonst die afrikanischen Länder „alle arm“? Auch die Liebe zur Nation und der Fußball waren mir damals wichtig und irgendwie verbunden. Ich besaß eine Saisonkarte für den sogenannten „A-Block“. Die Karten habe ich immer noch. Der A-Block ist die Ultra-Fankurve des VfB-Stuttgart. Nicht gerade ein linker Verein. Ich habe regelmäßig erlebt, dass meine Mitfans rhythmisch und sehr engagiert Affenlaute gebrüllt haben: Uh! Uh! Uh! Wenn ein schwarzer Spieler an den Ball kam. Der Schiedsrichter wurde als „schwarze Sau“ bebrüllt. Wenn wir vermuteten, dass er bestochen war, weil er so falsch entschied, riefen tausende Stimmen aus vollen Brustkörben „Jude! Jude! Jude!“. Das war damals sogar mir ein bisschen zu viel. Aber nicht sehr. Ich erklärte mir das als „Spaß“, dass es nicht so ernst gemeint sei. Schließlich, wie ich immer wieder erzählte, habe ich auch einmal erlebt, wie einige Nazis im Block von einem rotnasigen, bierbäuchigen Fußballveteranen mit eindrucksvoller Kutte und noch eindrucksvollerer, schnarrenden Stimme zur Sau gemacht wurden, weil sie unseren Ruf „Sieg!“ mit einem „Heil“ ergänzten. Und der Block applaudierte ihm. Affenrufe und den Schiedsrichter als Jude zu beschimpfen waren also ok, beim Sieg Heil wurde eine Grenze gezogen. Finde ich heute auch weird. Machte damals aber Sinn.
Ich besaß sogar eine kaiserliche Reichskriegsfahne. Die hing über meinem Bett. Als Deutschland 1990 Weltmeister wurde, nahm ich sie mit auf den Reutlinger Marktplatz. Wir sangen „Wir sind deutsch, wir sind deutsch, wir sind deeeutsch!“, tranken Dosenbier und fühlten uns stark und stolz. All die Aussagen, die ich heute in den rechten Videos höre, kenne ich von mir. „Andere dürfen doch auch stolz auf ihr Land sein“. Der Patriotismus und die Gemeinschaft fühlte sich sehr gut an. Es war etwas, das größer war als ich. Und mit dem Fußball und den Gesängen bekam ich einen Zugang dazu, der sehr körperlich und sinnlich war.
Die Schubladensache
Warum fühlte sich das rechte Denken für mich damals so überzeugend an?Ein wichtiger Grund ist, die rechte Art zu denken liegt uns nahe. Sie entspricht einem Teil der menschlichen Natur. Menschen neigen dazu, andere Menschen in Schubladen zu stecken. Und diese Schubladen beschriften wir meist mit den auffälligsten Merkmalen: Hautfarbe, Sprache oder Herkunft. Selbst Hunde tun das. Mein leider verstorbener Hund wurde einmal von einem schwarzen, großen Hund gebissen. In der Folge mochte er große schwarze Hunde nicht mehr. Er knurrte immer, wenn einer zu sehen war. Und so funktionieren die meisten Menschenköpfe eben auch, erstmal. Auch ich neige immer noch dazu, spontan Leute als eine Gruppe zu denken, weil sie irgendein Merkmal teilen. Immer wenn ich zu Besuch in einem neuen Land bin, schreibt dieser schubladenbauende Teil in meinem Kopf eine ganze Liste von Eigenschaften zusammen, die die Leute in diesem Land angeblich haben. Treffe ich am Flughafen in Ljubljana einen unfreundlichen Typen, denke ich, „die sind aber unfreundlich, die Slowenier“. Später im Bus erklärt mir eine ältere Frau freundlich den Weg zum Hostel: Da denke ich, die slowenischen Frauen sind aber dagegen nett. Das ist auch nicht schlimm, so funktioniert das Gehirn halt, bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Man muss sich halt klar machen, dass die Realität deutlich komplexer ist. Was halt die Rechten machen: Sie bleiben dort stehen und loben einen noch für diese Schubladenreflexe. Man habe doch einen gesunden Menschenverstand. Klar fühlt sich das gut an.
Vor allem das damit verbundene Wir-Gefühl hat sich sehr gut angefühlt. Und darin liegt ein Problem: Menschen bilden erstaunlich schnell ein Wir und ein Die. Selbst wenn Schulklassen oder Versuchsgruppen nur durch verschiedenfarbige T-Shirts getrennt werden, entstehen oft schon nach kurzer Zeit Loyalitäten und Gegensätze. Ich glaube zwar, dass es eine offene, liberale Form davon geben kann. Es gibt sehr kluge und gute Menschen, die sich positiv auf Patriotismus beziehen. Aber ich glaube eben auch, dass Patriotismus die Neigung hat, irgendwann doch ins wir-gegen-die zu kippen.
Wenn ich sage, das sei alles sei „natürlich“ meine ich genau das: Man neigt halt dazu. Aber man neigt ja zu vielem. Beispielsweise gehört auch bei den meisten zur menschlichen Natur, Empathie zu haben und Dinge zu hinterfragen.
Ein weiterer, rechter Reflex liegt mir nahe: Ich neige dazu, den Ist-Zustand in einem Land zu sehen, bei mir meist vermittelt über Youtube-Videos, Serien oder den Nachrichten, und daraus auf die „Kultur“ dieses Landes zu schlussfolgern. So habe ich früher gedacht. Im Fernsehen liefen Bilder aus Afrika: Bürgerkrieg, Hunger, Soldaten. Und ohne, dass ich darüber nachdachte, formte sich in meinem Kopf das: „So sind die halt.“ Afrikanische Länder sind arm und es gibt viele Kriege. Das stimmt so pauschal auch nicht, aber es ist leicht, diesen Eindruck zu bekommen. Und weil ich selbst keine Mittel hatte, diesen Ist-Zustand zu erklären, schlussfolgerte ich daraus, dass die Menschen dort eben so seien. Scheinbar sind sie wohl fauler oder dümmer oder gewalttätiger als die Deutschen. Mein Schwimmtrainer mit dem stolz getragenen Bierbauch, meine Mitschüler in der Realschule, mein älterer Nachbar mit der grauen Arbeitsjacke: So dachten ich und viele Leute um mich herum. Selbst ein Lehrer an der Realschule ließ es sich nicht nehmen, in kratzigem Schwäbisch die den Hunger in Äthiopien zu erklären mit: „die missed halt mehr schaffa und weniger kämpfa, da onda. Aber des funktioniert net so leicht. Des isch halt die Kuldur von denne Leid.“
„Die Kultur dieser Leute“, das war eine Vorstellung, die in meinem schwäbischen Kleinstadtumfeld sehr weit verbreitet war. Es war die Hauptkategorie, mit der man internationale Zusammenhänge begriff. Selbst Fußballmannschaften wurden so erklärt. Die Spanier sind halt heißblütig, die Deutschen arbeitsam, aber ein bisschen eckig. Klar ist das eine kindliche Art, die Welt zu sehen. Aber um sie anders zu sehen, braucht man andere Denkmodelle, Brillen, die uns die Welt erklären. Es gibt unendlich viele solcher Brillen. Man kann die Welt ökonomisch, soziologisch, sozioökonomisch, historisch, psychologisch oder sogar geografisch betrachten. Aber diese Brillen standen mir damals nicht zur Verfügung. Oder besser: Sie waren nicht im Alltagsleben verankert. Die Nationalkulturen-Brille dagegen schon. Die nationale „Kultur“ ist in dieser Vorstellung wie ein sehr einfaches Computerprogramm, das Leute aus einer bestimmten Kultur eben abspulen. „Kultur“ ist so gesehen über Jahrhunderte gewachsen und fast so unveränderlich wie die Gene oder das „Blut“, mit denen man zur Zeit der großen Rassentheorien Eigenschaften von Menschen erklärte. Wie beim Fußball damals eben: Brasilianer sind leidenschaftlich und elegant, die Schotten dagegen unelegant, aber sie halten zusammen wie Pech und Schwefel.
Klar, heute habe ich tausend Argumente und Daten, die solche Konzepte ziemlich eindeutig widerlegen. Das ist auch eine treibende Kraft für mich. Ich diskutiere bis heute mit diesem Teil meiner selbst und beantworte immer wieder neue Fragen, die ich mir selbst stelle. Wahrscheinlich erkläre ich manches auch deshalb so ausführlich. Weil ich versuche, den 17-jährigen Houssam zu überzeugen.
Entfremdung
Allerdings glaube ich inzwischen, dass das damals nicht nur eine Frage der besseren Argumente war. Ich war für solche emotionalen Erklärungen besonders empfänglich. Und mir fehlten die Mittel, bessere Erklärungen zu finden.
Das lag wohl auch daran, dass die „Bildungsressourcen“, die ich so mitbekommen habe, sehr überschaubar waren. Wenn ich heute die Kinder meiner Freunde sehe, die teils mit zehn schon griechische Mythen zum Spaß lesen, ist das unendlich weit davon weg, wie ich aufgewachsen bin. Zwar standen Goethe und Schiller bei uns im Buchregal, aber die standen halt da. Bildung war etwas Bewundernswertes, aber sie war nicht da. Ich war sehr schlecht in der Schule. Das hatte vor allem emotionale Gründe. Ich wusste nicht, was die da jeden Tag von mir wollten, saß nicht enden wollende Stunden lang unter künstlichem Licht, eingepfercht mit anderen Kindern und später Jugendlichen, die meist selbst nur schlecht auf ihr Leben klarkamen.
Tag für Tag wurde ich von den Lehrern benotet und bewertet und mit anderen verglichen. Du bist besser, du bist schlechter. Ich weiß schon, das ist normal, aber es ist wirklich weird und brutal, wenn man es sich genau überlegt. Ich würde selbst als Erwachsener kaum mit dieser Struktur klarkommen. Als Jugendlicher hatte ich viele Pickel im Gesicht, viele Vierer im Zeugnis und viele sehr unfreundliche Leute um mich herum. Wenn ich erklären müsste, warum ich damals so schlecht in der Schule war, müsste ich wohl das etwas bemühte Bild vom Acker bemühen, dessen Boden dürr und trocken ist, weil die Tage zu kalt sind, der Regen sauer, die Sonne nicht stark genug. Die Lehrer zwangen mich zwar zum Pflügen und streuten ihre Samen, aber unter diesen Bedingungen wuchs da halt nichts. Ich konnte die Informationen nicht einordnen. Ich wusste nicht, warum ein x in Mathe ein x war und warum mich irgendwelche Jahreszahlen oder was eine Präposition ist, interessieren sollte. Es sagte mir nichts über mich und meine Welt und meine Probleme. Und das war auch keine Entscheidung, sondern es war einfach so.
Im Schullandheim wurden Spottlieder über mich gedichtet. Der Name, der für mich kursierte, war eine Verballhornung meines echten Namens. Und den kannte irgendwann kaum noch jemand. Manche Lehrer übernahmen sogar diesen Namen, weil ihre Sozialkompetenz scheinbar nicht ausreichte, um zu merken, dass sie mir damit wehtaten. Was ich bis heute nicht nachvollziehen kann. Man ist im falschen Beruf, wenn man jahrelang nicht merkt, dass ein Kind gemobbt wird.
Später habe ich das Wort „Entfremdung“ kennengelernt. Das war mein Problem. Ich erlebte Entfremdung. Ich wusste nicht, was die alle von mir wollten. Ich fühlte mich hilflos. Ich hatte weder die Begriffe, um diese Gefühle zu erfassen, noch jemanden, der mich darin gesehen hat. Ich nehme an, das erklärt, warum mich Gemeinschaft, Stärke und Stolz anzogen. Das Gefühl, im Stadion zu stehen und mit tausend anderen im Chor zu brüllen, aufrecht und leidenschaftlich, das hat mich genau da gekratzt, wo es mich gejuckt hat. Es gab mir, was ich gebraucht habe.
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