Ich habe große Lust, nicht immer für eine Zielgruppe oder einen Redakteur zu schreiben, sondern einfach, wie es mir gefällt. Und ich habe Lust übers Linkssein zu schreiben. Das beschäftigt mich schon lange.
Darum beginne ich heute meinen Blog „Der letzte Linke“. Den könnt ihr hier lesen. Viel Spaß.
Viele regen sich ganz schlimm über Linke auf. Das kann ich zum Teil gut nachvollziehen. Mich regen Linke auch oft auf, dabei bin ich selbst einer. Immer noch. Und das, obwohl ich inzwischen 52 Jahre alt bin.Eigentlich müsste ich in meinem Alter konservativ geworden sein. Zumindest wenn man dem alten Spruch glaubt: dass man kein Herz habe, wenn man als junger Mensch nicht links ist und man keinen Verstand hat, wenn man es später immer noch ist. Den Spruch habe ich schon zum Kotzen oft gehört. Beispielsweise von einem früheren WG-Mitbewohner. Nennen wir ihn „Rainer“, der wohnte mit damals 60 immer noch in einer WG in Tempelhof.
Genauer gesagt besaß er die Wohnung und betrieb sie als WG. Und er hatte überall den Daumen drauf. Wer, wie und wann das Geschirr spült, wie laut die Musik zu sein hat, wer einzieht und auszieht, und so weiter. Das würde ich natürlich heute genau so machen. Weil irgendwann will man (ich), dass die Finanzen gesichert, das Geschirr gespült und die Mitbewohnenden keine Arschlöcher sind. Aber ich würde darum auch nicht mehr in WGs wohnen. Nicht weil es falsch ist, sondern weil es anstrengend ist. Ich habe am Ende aus Geldmangel auch bis 46 in WGs gewohnt. Irgendwann ist man weniger offen für alternative Formen des Geschirrspülens und technohörende Mitbewohnerlis. Aber er wollte in WGs leben. Er hätte es nicht müssen, die Wohnung gehörte ihm und er hatte genug Geld. Er erklärte gerne anderen, wie sie die alltäglichen Dinge zu tun haben. Er genoss es, den Chef-Daumen zu haben, denke ich. Und er genoss es auch, mich mit seinen Weisheiten über Linke, die später klug und konsevativ werden, zu pisacken.
Er meinte es aber auch wirklich so. Rainer war mit 18 sehr naiv, wie er im schnarrenden Brustton zu erklären pflegte, das bärtige Kinn hoch erhoben. Es liegt ja auch nahe: Mit 18 hat man Erfahrungen nicht gemacht, die man später gemacht hat. Das heißt aber nicht, dass man deswegen später klüger ist. Auch ist das Leben (selbstverständlich) kein gerader Weg, auf dem alle die gleichen Erfahrungen machen und die gleichen Erkenntnisse daraus ziehen. So stellte es Rainer sich aber vor. Oder vielleicht tat er auch nur so, weil er so etwas wie ein Troll war, der nur gerne provoziert, ohne dass dahinter wirklich tiefe und durchdachte Überzeugungen stecken. Solche Leute gab es früher wie heute.
Ich denke sogar, oft haben junge Linke heutzutage eher das Problem, dass ihnen die Naivität ausgetrieben wurde. Wer glaubt denn heute noch an die große Zukunft, die wir erreichen können, wenn wir uns nur genügend Mühe geben? Das gibt es noch, aber selten. Ich kenne Lieder wie „Für immer Frühling“ von Soffie. Darin stehen eine Welt, in der niemand mehr hungern oder im Mittelmeer ertrinken muss, und eine Welt, in der für immer Frühling ist und niemand mehr zu früh stirbt, ganz selbstverständlich nebeneinander. Politisch grundsätzlich mögliche Veränderungen erscheinen darin fast ebenso utopisch wie die Abschaffung des Winters. Ich war früher anders drauf.
Und Rainer wohl auch. Er war Kommunist gewesen und an unserem Küchentisch seien Leute von der RAF gesessen, bei Bier, Zigaretten und Kerzenschein. Aber Rainer ist dann von der Wirklichkeit eines besseren gelehrt worden, wie er mit selbstsicherem Grinsen gerne und oft erzählte. Er habe gelernt: Naja, eben alles, was man so zu hören bekommt. Der Mensch sei zu egoistisch für den Sozialismus, der Sozialismus funktioniere eh nicht, die Linken seien alle naive Träumer und so weiter.
Naja, und ich dachte, vielleicht kann ich in diesem Blog etwas Ähnliches machen, nur in klug (hoffe ich). Ich habe auch einen langen Weg zurück gelegt, habe viele meiner Ansichten verändert. Nur nicht so, dass ich heute konservativ bin. Auch wenn ich chaotische Mitbewohner und ungespültes Geschirr heute nicht mehr ertrage. Ich weiß auch nicht, ob ich mich, so wie ich heute bin, als 19-jähriger gemocht hätte. Wahrscheinlich hätte ich es nicht. Ich hätte mich als linken Spießer bezeichnet oder so. Aber vielleicht schaffe ich es ja, mich hier mit meinem früheren Ich etwas zu versöhnen. Ich werde jetzt regelmäßig darüber schreiben. Da so viele Leute sehr starke Meinungen über Linke haben, könnte sie vielleicht interessieren, was ein real existierender Linker zu sagen hat. Zumindest die, die an der Realität interessiert sind und nicht nur daran, ihre Strohmänner zu füttern. Mal sehen.
Wenn ich sage, dass ich links bin, fühlt sich das nur begrenzt gut an. Ich will damit eigentlich etwas sagen, etwas, das positiv und klug ist. Aber tatsächlich kann „links“ alles mögliche sein. Und vieles davon ist weder klug noch positiv.
Besonders links war ich, als ich vom Volk träumte, das sich erhebt und in Massen die Straßen füllt. Alle schreien dann im Chor nach Freiheit und halten rote und schwarze Fahnen hoch und halten gegen die Polizei zusammen. Das Kämpfen war immer ein Teil dieser romantischen Vision. Alle haken sich unter, werden lauter, stärker, wenn die Polizei kommt und mit ihren Knüppeln prügelt. Als die Polizei brutaler wird, beginnen wir uns zu wehren. Das ist der Moment, in dem wir uns befreien. Ich hatte nie die Vorstellung, dass Polizisten wirklich verletzt werden, oder einzelne Polizisten abgepasst und zusammengeschlagen werden, wie es Joschka Fischer in den 1970er Jahren mit seinen „Putzgruppen“ scheinbar gemacht hat. Das fand ich abstoßend und grausam. Mein Bild des Volksaufstandes war eher ein Theaterstück. Die Gewalt war symbolisch. Das ist natürlich Quatsch, Steine und Molotowcoctails können großen Schaden anrichten. Und warum sollte es bei Steinen und Knüppeln bleiben? Aber so stellte ich es mir eben vor. Es war eine befreiende, solidarische Gewalt, die das Volk vereint, und in der gemeinsamen Tat zusammenführt, um die Herrschaft des Menschen über den Menschen zu beenden. Ich stellte mir außerdem lebhaft vor, wie nach dieser roten Morgendämmerung die Chefs zum Teufel geschickt werden, das Geld abgeschafft, die Bullen ihre Waffen wegschmeißen, die Gefängnisse geöffnet werden, weil da sitzen ja auch nur Opfer des kapitalistischen Systems. Alle übernehmen dann die Betriebe, arbeiten und halten zusammen, helfen einander und die Sonne scheint und alles ist sehr schön.
Ich habe Ton Steine Scherben gehört. Ich kann immer noch Lieder auswendig wie „Allein machen sie dich ein“ oder „Schritt für Schritt ins Paradies“. Klingt religiös. War es auch. Zwar ohne Gott, aber mit einem Lauf der Welt, der zum Guten hin drängt. Man muss die Menschen nur lassen. Je mehr Freiheit, desto mehr finden sie zu ihrem guten Wesen. Heute frage ich mich: Warum sollte das so sein? Wenn es keinen Gott gibt und keinen Plan hinter der Geschichte, warum sollte sich die Welt ausgerechnet zum Guten entwickeln? Es gibt doch tausend Entwicklungsmöglichkeiten. Warum sollte die Welt ausgerechnet so gebaut sein, dass es diesen einen Schalter gibt, der die Menschen gut werden lässt. Es könnte ja tausend Läufe der Welt geben. Heute würde ich sagen, er ist weder gut noch schlecht, sondern beides. Und wir haben die Wahl, fair oder egoistisch zu handeln. Und auch das ist eine grobe Vereinfachung.
Historisch gesehen stimmt ja beides: Ja, die Menschen verhalten sich sehr oft solidarisch und fair, aber auch sehr oft brutal und rücksichtslos und egoistisch. Wir helfen einander bei Umzügen, Autounfällen und Hungersnöten. Aber „wir“ foltern auch andere Menschen in syrischen und vor wenigen Jahrzehnten Jahren auch noch in deutschen Gefängnissen. Wir halten zusammen, bauen einen Sozialstaat, in dem zumindest theoretisch niemand hungern oder frieren muss oder auf Medikamente verzichten, „wir“ wählen aber auch autoritäre und rechtsextreme Figuren wie Trump oder Orban. Das ist die Realität, wie sie ist.
Als ich besonders links war, war mir zwar schon klar, dass es Arschlöcher und ignorante Menschen gibt. Mir war auch klar, dass ich selber manchmal ein Arschloch oder ignorant war.
Aber ich glaubte, dass die Ursachen dafür fast vollständig außerhalb des Menschen liegen: im Kapitalismus, in Konkurrenz, Gewalt und einer modernen, künstlichen Gesellschaft. Ein freier Mensch würde sich überwiegend für das Gute entscheiden. Wenn die Menschen erst einmal ohne Ausbeutung, Konkurrenz und Unterdrückung leben könnten, dann würde sich das Gute fast von selbst durchsetzen.
Polizei, Löhne, Geld und Zwang: Das war für mich alles Unsinn, der das Gute im Menschen kaputt macht. Und so falsch ist dieser Gedanke nicht. Geld macht gierig. Für eine sehr hohe Summe wären viele Menschen bereit, schlechte Dinge zu tun. Und ich hätte zumindest den Impuls dazu. Gewalt und Demütigung hinterlassen Spuren. Es ist kein Zufall, dass in unseren Gefängnissen vor allem Menschen sitzen, die als Kinder selbst Gewalt, Vernachlässigung oder andere schwere Belastungen erlebt haben. Das entzieht ihnen nicht die Verantwortung für ihre Taten. Aber es zeigt, dass Menschen nicht im luftleeren Raum handeln. „Der Mensch kann tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will“, sagte Schopenhauer. Was wir wollen und wie wir die Welt sehen, entsteht aus einem komplexen Verhältnis von persönlichen Anlagen, unserer Biografie und den Verhältnissen, in denen wir leben. Darüber besteht heute fächerübergreifend weitgehend Einigkeit. Umstritten ist eher, was daraus folgt.
Daraus zog ich damals allerdings einen Schluss, den ich heute nicht mehr überzeugend finde. Ich dachte: Wenn Geld, Konkurrenz und Gewalt das Schlechte im Menschen fördern, dann muss man sie nur abschaffen. Dann setzt sich das Gute von selbst durch. Heute würde ich eher sagen: Schlechte Verhältnisse erhöhen die Wahrscheinlichkeit für schlechtes Handeln. Gute Verhältnisse erhöhen die Wahrscheinlichkeit für gutes Handeln. Mehr aber auch nicht. Sie schaffen das Böse nicht aus der Welt.
Ich habe damals an ein großes „Eigentlich“ geglaubt. Eigentlich ist der Mensch gut. Eigentlich führt Freiheit dazu, dass Menschen solidarisch miteinander umgehen. Eigentlich gibt es einen Zustand der Gesellschaft, in dem mehr oder weniger alles richtig läuft. Heute erscheint mir genau dieses „Eigentlich“ rätselhaft. Warum sollte die Welt so gebaut sein? Wenn es keinen Gott gibt und keinen Plan hinter der Geschichte, warum sollte sie ausgerechnet einen Drall zum Guten haben? Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, wie Menschen zusammenleben können. Warum sollte ausgerechnet die solidarische Gesellschaft der natürliche Endpunkt sein?
Als ich achtzehn war, diskutierten wir oft mit Zeugen Jehovas auf der Straße. Wir waren von unseren Überzeugungen kaum weniger überzeugt als sie. Sie hatten unrecht, wir recht. Wir glaubten zu wissen, wie die Welt eigentlich funktioniert und wohin sie sich entwickelt. Wir waren Jünger der Anarchie.
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