Schwaben erwache

Langsam kann ich die Augen vor der schwäbischen Überfremdung hier in Berlin nicht mehr verschließen! Zwar bin ich selbst Schwabe, aber es wird einfach zu viel. Nicht nur, dass sie mit Halbglatze, schwarzer Rahmenbrille und Umhängetaschen in ihren hippen Cafes vor ihren Macbooks sitzen, während sie Latte Macciattos saufen und am Iphone gerade über irgendeinen „coolen, neuen Laden“ reden. Nicht nur verstopfen schwangere Schwäbinnen die Prenzlbergischen Straßen mit ihren Bio-Kinderwägen und prägen unsere Sprache mit dem Wort „Prenzlberg“, obwohl das das falsche Wort ist. Jetzt kommen auch schon ihre Kinder ins Jugendlichenalter und machen Ärger!
Am Schlimmsten ist es eben genau dort: im guten alten Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg.
Dort, genauer gesagt in der Kastanienallee hatte ich ein Erlebnis, das mir endlich die Augen öffnete. Ich war dort, weil in der Roten Insel ein Treffen einer linken Zeitung meines Vertrauens stattfand, und ich wollte mitmachen. Ich war bekifft, was eigentlich unvernünftig ist, wenn man gerade vorhat, seine Formulierungskraft bei einem Treffen von Schreiberlingen zu präsentieren, aber so war es nun mal. Ich war also dorthin unterwegs und hörte dabei per Kopfhörer „A Silver Mount Zion“ von „Godspeed you, Black Emperor“, ein sehr dramatisches Klavierstück, bei dem man eigentlich – vom Leben mit schwarzen Peitschenhieben geschlagen – in seinem abgedunkelten Zimmer sitzen müsste, um vom Ausdruck der eigenen Verzweiflung zu trinken. Da kamen mir zwei junge Männer entgegen. Sie waren beiden recht groß und kräftig gebaut, trugen Turnschuhe, weite Jeans und glänzende Plastikjacken. Der eine trug eine Basecap, und zwar schräg. Auf ihr war ein Wappen mit gelbem Hintergrund und schwarzem Geweih darauf abgebildet. Ein Bild, das mich an irgendetwas erinnerte. Ich wusste aber nicht an was. Die Jungs gingen sehr langsam, und sehr hüftbetont, wie ich es aus kommerziellen Hiphopvideos kenne. Sie machten ihre Sache gut, und guckten dabei schön grimmig. Das ganze kontrastierte mit meiner Bekifftheit und der langsamen, hochdramatischen Musik, in die ich gerade so versunken war. Ihr Verhalten wirkte dadurch so lächerlich, dass ich grinsen musste. Als sie auf meiner Höhe waren, versuchte ich mit einem eleganten Seitenschritt an ihnen vorbeizuziehen, aber der mit der Basecap ging den Schritt mit und wir stießen zusammen, ich mit der Brust voran, er fing mich mit beiden Händen hart ab.
„He! He! He! He! Was isch da los? Was gibs do zum grinsen? Suchsch du Streit?“ Der Basecapjunge hatte seinen Kopf ein wenig zur Seite geneigt, so dass seine Mütze nun waagerecht zum Boden auf seinem Kopf lag. Woher kannte ich nur dieses Zeichen?
Ich wusste nicht, was sagen und starrte nur auf die Cap, während ich die Kopfhörer abnahm. Die Klaviermusik verstummte.
„Was guggschn so? Hasch a Broblem mit meinra Kapp? Problem damit, wenn oiner stolz isch ond seine Wurzla zeigt?“
Mir fiel auf, dass der Junge bei dem Wort „stolz“ seine Brust ein wenig nach vorne schob und seine Stimme, die sowieso schon künstlich tief klang, noch eine Oktave nach unten stimmte.
Nur ein „äh“ brachte ich heraus! Ich hatte keine Ahnung, wie ich die Situation einschätzen sollte. Sollte ich Angst haben? Sie sahen aber so blöde aus. Vor allem der mit der Kappe. Ich glotzte also nur. Dann trat der andere vor. Er trug einen Anhänger aus Silber, ebenfalls mit dem Hirschgeweih. Seine Lippen waren geschürzt, die Augenbrauen zusammengezogen, er wippte mit dem Oberkörper vor und zurück. Ich habe einmal gelesen, dass das die Art der Straßenschläger weltweit ist, sich für’s Zuschlagen einzuschwingen. Man wippt vor und zurück, und dabei stellt man sich vor, was der andere für ein Scheiß-Arschloch, ist und wie man ihn gleich zu Blutmus verarbeitet. Vor und Zurück. Vor und Zurück. Man pumpt sich mit aggressiver Energie auf. Die Augen blitzen dabei den Gegner an, als könnte man damit das Herz des Gegners zu einem schwarzen Bällchen verschrumpeln lassen.
Ich musste etwas sagen!
„Äh… . Ich kenn euch doch gar nicht.“ Endlich! Aber besonders schlau war das nicht! Wieder musste ich gegen meinen Willen grinsen, auch weil ich mich selbst von außen sah und meine eigene Reaktion so blöde fand. Ich wusste theoretisch, dass es gefährlich werden könnte – die beiden hatten ganz schön viel Masse für ihr Alter – aber realisieren konnte ich es nicht.
Dann blitzte es in meinem Kopf. Der wippende Junge hatte mir erfolgreich mit dem Handballen das Grinsen vom Gesicht gewischt. Es war, als hätte er mir mit einem Balken eine übergezogen. Prötzlich fiel mir ein, was das Hirschgeweih bedeutet: Es ist das Symbol auf der würtembergischen Landesfahne, auch zu sehen auf dem Wappen des VfB Stuttgart. Nun verstand ich langsam! Mir standen zwei schwäbische Nationalisten gegenüber. Wahrscheinlich militante!!
Die beiden Schwabenjungs grinsten fies.
Mein Körper war zu Holz erstarrt. Mein Herz schlug wild. Ich hatte eine rauschhafte Angst, die alles durchtränkt, wie es eben ist, wenn man bekifft in eine beängstigende Situation kommt.Schwäbische Nationalisten?
„Do guggsch, du Arschloch! Mir lassed ons jetzt nix meh gfalla! Edd so wia onsre Eldern, die sich die ganze Sprich oghert hend, ond bloß glächlt, ond gsaggd hend :‘Ha, dees god doch vorbei! Die moined dees edd so!‘ An Scheißdreck! Ie lass mir dees nemmeh gfalla! Ie edd! Ie hab oi mol z‘oft ghehrt: ‚Biste Schwabe, oda wat?‘“
Das ist ja etwas, was gerne passiert: Wenn sich Menschen als Gruppe unterdrückt und benachteiligt fühlen, schließen sie sich zusammen, und ihre vielen kleinen, verletzten Egos werden zu einem riesigen Gruppenego. Quasi aus nem Komplex heraus. Die „eigene“ Kultur wird vereinheitlicht, idealisiert und mystifiziert.
Ich sagte das Blödstmögliche:
„Aber, du kannst doch gar kein Schwäbisch können. Deine Eltern , ja, aber bei dir kann das doch gar nicht mehr sein, du bist doch hier aufgewachsen!“
Wieder fühlte ich den Balken gegen meinen Kopf donnern und wieder blitzte es. Das tat richtig weh, langsam.
Der Junge mit der Basecap hielt seinen Finger in mein Gesicht.
„Sag du mir nicht, wo ich herkomme!“
Wenn ich etwas lockerer gewesen wäre, wäre ich sicher beeindruckt gewesen! Wie ein richtiger Schwabe hat der Junge gelernt, in triefend schwäbelndes Hochdeutsch zu verfallen, wenn er etwas sehr wichtiges sagen will. Ich suchte fieberhaft nach Möglichkeiten aus dieser Scheißsituation rauszukommen. Mein Körper buckelte, gegen meinen Willen.
„Ich bin doch selbst Schwabe, Mann! Komm, wir sind Brüder!“ Ich streckte beschwichtigend meine Hände nach vorne, versuchte, freundlich zu lächeln, aber die Angst machte das Lächeln blöde und unterwürfig.
Beide Jungen verengten gleichzeitig misstrauisch ihre Augen.
„Echt? No, sag ebbes auf schwäbisch!“
Das war gemein. Ich hatte mir nun schon seit vielen Jahren meinen Dialekt aberzogen, man will sich ja nicht ständig Sprüche und Vorurteile reinziehen, und nun sollte ich hier im Vollstress ganz locker rumschwäbeln!
„Äh… . Hajo!“
Die schwäbischen Nationalisten guckten sich belustigt an.
„Der will uns verarschen! Dehsch doch koi schwäbisch!“
Der mit dem Anhänger kam einen Schritt näher, so dass sich unsere Nasen berührten. Wahrscheinlich sog er den Duft meiner Angsthormone ein. Es war wirklich sehr unangenehm ihn so nahe zu fühlen.
„Willsch du uns verarschen?“
„Noi… . äh… .“ Gleich würden wieder der Balken und der Blitz kommen. Ich musste ihn irgendwie davon abhalten!
„Warte… . Ich kann’s nur nicht mehr so gut. Ich bin ehrlich Schwabe!“ presste ich hervor.
Jetzt trat auch der andere vor. Es muss wirklich komisch ausgesehen haben! Drei Typen, die sich an den Nasen berühren. Der eine gekrümmt, bleich und leicht zitternd, die anderen mit gespannten Körpern, wie Kampfhunde in Drohhaltung.
„Dann bisch du vielleicht ein selbschthassender Schwabe? Dehs isch ja noch schlimmer.“
Ich redete schnell:
„Aber nein! Die schwäbische Kultur ist doch spitze! Äh… . Viel natürlicher, nicht so dekadent wie die hier… . Warum sind die Berliner wohl so arm, und die Schwaben so wohlhabend! Weil die Schwaben arbeiten, für ihr Brot, und die Berliner nicht!“
Die Gesichter der beiden entspannten sich ein wenig. Scheinbar hatte ich den richtigen Ton getroffen.
„Dehs stimmt. Abr wieso kannsch du koi schwäbisch mehr?“
Der böse Blick kam zurück.
„Äh, weil… .“ Mir fiel nichts ein. Einen Moment lang war nichts zu hören. Nur angstgetränkte Stille. Ich wusste, gleich würden sie mich einmachen, weil ich ein selbsthassender Schwabe, ein Verräter bin. Verräter werden immer besonders gehasst. Motörhead haben mal ein Lied gegen Verräter geschrieben. Ich öffnete meinen Mund um irgendwas zu sagen. Irgendwas! Da zerriss ein Ruf die Spannung:
„SCHWABEN!“ Die Straße entlang kam eine Gruppe von 5 Jungs, die den Schwabenjungs eigentlich sehr ähnlich sahen. Einer von ihnen hielt ein Wappen mit schwarzem Hintergrund hoch, auf dem ein goldener Löwe abgebildet war.
‚Meine‘ Jungs schreckten auf!
„DIE PFÄLZER!“ Dann sprinteten sie von mir weg, die Pfälzerjungs hinterher. Ich war gerettet. Oh, Gott sei dank, so dachte ich. Aber das war zu früh gefreut. Der mit dem Wappen war langsamer als die anderen. Kurz nachdem er an mir vorbei war, bremste er ab, machte ein schlaues Gesicht, als ob er jemandem auf die Schliche gekommen war. Dann drehte er sich um, berührte mit seiner Nase die meine und fragte:
„Biste Schwabe, oder was?“
Wie ich ihm dann auch noch entkommen bin, erzähle ich ein anderes mal. Jedenfalls gehe ich ab jetzt nicht mehr in den Prenzlberg.

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