Mahnwachenkritik zwischen kuscheln und bashen

Der öffentliche Streit um die Montagsmahnwachen tobt derzeit so hart, dass er Facebookfreundschaften zerstört. Und es wird zu Recht gestritten: Die Wikipedia-Artikel zu strukturellem und sekundärem Antisemitismus sollten mit einem Bild des unter Mahnwachlern beliebten Dauerredners Ken Jebsen illustriert werden. Redner Andreas Popp, der ebenfalls standfest verteidigt wird, verbreitet das Bild eines biologisch gewachsenen Volkes, das verzweifelt ums Überleben kämpft, und Elsässer, der allerdings inzwischen als Sprecher ausgeschlossen wurde, vertritt rassistische und heterosexistische Ansichten. Das eigentliche Problem sind aber nicht die Redner, sondern die Zähigkeit, mit der sie auf Internetforen und auf der Straße verteidigt werden – Nicht die Einzelnen, die gefährlichen Unsinn reden, sondern die Vielen, die folgen.
Allerdings löste in Berlin auch eine Solidaritätsbekundung mit Flüchtlingen begeisterten Jubel aus, es werden hippieeske Friedenslieder gesungen, und man hat sich offiziell gegen die AfD positioniert. Das widerspricht wiederum der Einschätzung, die Montagsmahnwachen seien insgesamt rechts oder rechtsextrem.
Wie lässt sich diese widersprüchliche Koexistenz erklären, die unter den Mahnwachlern gar nicht wirklich aufzufallen scheint?
Die Montagsmahnwachen scheinen für viele ein Ort erster Politisierung zu sein. Selbst Hauptorganisator Lars Mährholz meint, er befasse sich erst seit einigen Monaten mit Politik. Sich zu politisieren bedeutet auch, Aussagen über Kausalzusammenhänge und Lösungsansätze explizit zu formulieren, die vorher nur intuitiv erfasst wurden. Erst wenn diese expliziten Aussagen erfolgt sind, ist es überhaupt möglich, Widersprüche zu erfassen, und den bisherigen Ansichten eine Kritik zu unterziehen, um anschließend eine widerspruchsärmere Perspektive zu gewinnen. Das ist ein stinknormaler Prozess. Auch der Autor dieses Textes glaubte zu Beginn seiner politischen Sozialisierung an eine umfassende Weltverschwörung und verglich Israels Politik mit dem Holocaust. Das hat sich geändert. Solche Entwicklungen sind kein Einzelfall.
Wenn die Mahnwachen für viele ein Ort erster Politisierung sind, dann ist es entscheidend, mit welchen Informationen sie an diesem Ort konfrontiert werden. Ein großer Teil der Linken beschränkt sich derzeit auf „Mahnwachenbashing“. Mit Hohn und Aggression hagelt es Abwertungen und Vorwürfe. Generell ist das keine Strategie, die dazu verhilft, sich für die Perspektive des Gegenübers zu öffnen. Es ist so gesehen die Frage, was man mit dieser Art von Kritik bezwecken will. Hier soll aber nicht das Gegenstück des Bashings, das „Mahnwachenkuschling“, wie man es nennen könnte, propagiert werden. Wie erwähnt gehen viele der Ansätze tatsächlich in den Rechtsextremismus über. Man bereitet damit einer Querfrontstrategie den Boden, indem durch keine oder zu milde Kritik rechtsextreme Denkweisen salonfähig macht. Das ist besonders problematisch, glaubt man der These einer ersten Politisierung, weil hier beginnende Pfade eingetreten werden.
Zu Recht wird den Mahnwachlern mangelnde Reflexion vorgeworfen. Viel zu oft sind Konzeptionen wie sekundärer Antisemitismus oder eine Kritik des Volksbegriffs unbekannt und rufen nur Stirnrunzeln hervor. Aber auch die Haltung vieler Mahnwachenbasher sollte reflektiert werden. Angesichts der höhnischen Freude, mit der – oft im akademischen Duktus – die Mahnwachler niederargumentiert werden, drängt sich die Frage auf, ob diese Freude ihren Ursprung nicht in einem Distinktionsgewinn gegenüber dieser unreflektierten und „ungebildeten Masse“ hat. Man zeigt, wie belesen und reflektiert man ist, indem man mit dem Finger auf die „Mahnwachenkretins“ zeigt. Man zeigt, dass man etwas Besseres ist und genießt es. Das ist besonders widersprüchlich, da eine linke Prämisse ist oder sein sollte, dass die jeweilige Klassenposition Wahrnehmung, Einstellungen, Werte und Geschmack mitbestimmt. Das heißt nicht, dass damit alle Eigenverantwortung verschwindet, sondern dass diese Eigenverantwortung nur innerhalb eines bestimmten Rahmens existiert. Angesichts dessen ist sowohl das Mahnwachenkuschling wie das Mahnwachenbashing ein Fehler. Vielmehr sollte sachlich und nachvollziehbar kritisiert werden.

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