Die Antideutschen sind nicht einfach Leute, die gegen Deutschland sind. Sie sind eine sehr einflussreiche, linke Strömung. In Der letzte Linke denke ich über mein und unser Linkssein nach. Und das lässt sich ohne die Antideutschen nicht verstehen.
Wenn ich das Wort „antideutsch“ denke, fällt mir immer dieser Mitstudent ein, mit dem ich vor etwa zwölf Jahren in verschiedenen Seminarräumen der Humboldt Uni saß. Er trug seine Haare lang, braune Kordhosen und er hatte immer ein Buch von Marx zu lesen bei sich.
Er bezeichnete sich selbst als Antideutschen. Und er provozierte gerne. Einmal lehnte er sich leicht grinsend in seinem Stuhl zurück und erklärte, Palästinenser seien keine wirklichen Menschen. Denn sie seien ideologisch so verblendet durch den Islam und durch ihre rückständige Kultur, dass sie keine Willensfreiheit hätten. Und die würde ja das Menschsein ausmachen.
Damals hat mich sein Intellektuellengehabe wenig beeindruckt. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm auch ein paar auf die Schnauze geben kann, wenn er das unbedingt möchte. Normalerweise drohe ich Leuten nicht mit Gewalt. Aber ich finde, in diesem Fall war das ganz angemessen.
Jedenfalls will ich gar nicht sagen, dass er ein typischer Fall von Antideutschen ist. Sondern eher ein extremer Fall. Extreme Fälle können eine innere Logik sichtbar machen, weil sie sie besonders konsequent vertreten.
In seinem Spruch steckte einiges, das für antideutsches Denken typisch war. Die Antideutschen tauchten etwa Anfang der neunziger Jahre als Strömung innerhalb der deutschen Linken auf. Sie kritisierten andere Linke (und vor allem Linke) oft aggressiv. Besonders wegen ihres Antisemitismus. Sie griffen auch die Vorstellung an, Linke müssten sich automatisch mit nationalen Befreiungsbewegungen in armen Ländern verbünden. Und sie betrieben Ideologiekritik: Sie fragten nicht nur, wer wen unterdrückt, sondern auch, welche Vorstellungen Menschen im Kopf haben und wie diese ihr Handeln bestimmen. Mein Mitstudent trieb diesen Gedanken so weit, dass für ihn ideologische Verblendung einem Menschen sogar das Menschsein nehmen konnte.
Die Antideutschen haben bei mir etwas getroffen
Zu Anfang haben mich die Antideutschen wahnsinnig aufgeregt. Damals hatte ich noch nicht studiert. Ich war so etwas wie ein Bauchlinker. Und damals verunsicherten mich diese Leute mit ihren dunklen Rahmenbrillen und ihrem Hochdeutsch. Das passierte mir schnell, wenn Leute mir mit Marx oder Adorno kamen oder Worte wie Kapitalakkumulation und Klassenantagonismus benutzten. Wenn man Argumente nicht nachvollziehen kann, weil man die Sprache nicht versteht, ist das schon ein schlechtes Gefühl. Es vermittelte mir das Gefühl, dumm zu sein. Das machte mich wirklich sauer. Meine Antwort darauf war: Die sind „verkopft“ und verstehen das Wesentliche nicht. So etwas wie Mitgefühl und Solidarität. Ich denke, da hatte ich auch einen Punkt. Aber sie hatten halt auch einen Punkt. Und es hat mich Jahre gekostet, um ihn nachzuvollziehen.
Inzwischen bin ich da standfester. Ich habe den Bildungsvorsprung dieser Leute aufgeholt und selbst Adorno und Marx gelesen. Und ich habe gemerkt, dass viele von ihnen, vor allem die besonders lautstarken, ihre Texte sehr einseitig gelesen haben. Sie picken sich heraus, was ihnen passt. Und das mit der Gefühlskälte halte ich tatsächlich immer noch für ein Problem. Wenn jemand behauptet, einer ethnischen Gruppe fehle das Menschsein, ist das zum einen sachlich falsch. Aber es ist vor allem auch auf einer Gefühlsebene falsch. Diesen Typen fehlt die Liebe zu den Menschen.
Ich hatte immer ein gespaltenes Verhältnis zu den Antideutschen. In meinem Freundeskreis war es sehr lange ein Running Gag, uns gegenseitig Antisemitismus und völkisches Denken vorzuwerfen. Du regst dich über die hohen Bierpreise auf und ich werfe dir dafür Antisemitismus vor. Und doch hatten deren Argumente mit der Zeit einen großen Einfluss auf mich.
Verkürzte Kapitalismuskritik
Zum Beispiel die Sache mit der „verkürzten Kapitalismuskritik“. Das war etwas, das die Antideutschen immer und immer wieder anderen Linken vorwarfen. Verkürzte Kapitalismuskritik heißt: Du stellst dir Kapitalismus falsch vor. Du denkst, da sind ein paar extrem Reiche Leute, die sind gierig und böse. Und die verursachen aus Gier alles was schlecht ist: Kriege, um Waffen zu verkaufen, Epidemien, um Medikamente zu verkaufen, Ausbeutung, weil das Geld bringt, Hunger, weil das Geld bringt, Armut, du weißt schon.
Das traf bei mir schon was. Mein Linkssein war sehr stark beeinflusst von Musik. Ich kann immer noch jedes Wort des „Paul Panzers Blues“ mitsingen. Ton Steine Scherben erzählen da die Geschichte eines abgefuckten Arbeiters, der irgendwann in das Büro seines Chefs geht. Der Chef ist fett und abstoßend und hat eine hässliche Stimme. Paul Panzer schlägt ihn zusammen und schickt ihn dann in „die Kolonne“. „Die anderen, die warten schon!“ Das ist halt voll personalisiert: Das Ziel ist der abstoßende und böse Kapitalist, der nur Gewalt und Verachtung verdient.
Und zu so was sagten die Antideutschen: Weder sind Kapitalisten notwendigerweise dick, noch böse. Sie können gar nicht anders als ausbeuten. Das macht auch Sinn: Wenn drei Firmen auf dem Automarkt konkurrieren und eine von ihnen die Arbeitenden schlecht bezahlt und auf Umweltauflagen pfeift, können sie ihre Autos viel billiger verkaufen als die Konkurrenz. Heißt, sie gewinnen, die anderen verlieren. Auch wenn mich diese Leute ankotzten, das Argument machte schon Sinn. „Don‘t hate the player, hate the game“, war dafür meine Übersetzung. Diese Einsicht habe ich mit der Zeit in mein Weltbild eingebaut.
Die (jüdische) Finanzelite, die alles Böse verursacht
Antideutsche neigten auch dazu, Linke als Antisemiten zu beschimpfen, wenn sie einzelne Firmen und deren Fehlverhalten kritisierten. Darum der Witz mit den Bierpreisen. Auch das enthält einen wichtigen Wahrheitsgehalt: Antisemitismus heißt nicht einfach Hass auf Juden. Sondern es enthält die Vorstellung einer bösen und gierigen jüdischen Finanzelite, die hinter den Kulissen alles organisiert, was schlecht ist: Kriege, Epidemien, Hunger, Ausbeutung, Armut. So wie in der Serie Akte X. Und so in etwa hatte ich mir früher tatsächlich „den Kapitalismus“ vorgestellt. Nur, dass ich halt nichts gegen Juden hatte. Wobei, Begriffe wie die „Rothschilds“ oder die Vorstellung, auf dem Dollarschein stünden geheime Zeichen der Illuminati, bei mir schon was ansprachen.
Die edlen Wilden, die gar nicht anders können, als gut zu sein
Und so ähnlich ging es mir in mehreren Bereichen. Es war zum Teil echt überzeugend, wenn Antideutsche sagten: Du gehörst nicht automatisch zu den Guten, weil du unterdrückt wirst. Die Leute, die in Kenia sogenannte Hexen verfolgen, tun etwas Schreckliches. Dass sie unter postkolonialen Verhältnissen leiden, macht das nicht besser. Der in Teilen der palästinensischen Gesellschaft verbreitete Antisemitismus und stark patriarchale Vorstellungen sind real. Das verschwindet nicht dadurch, dass viele Palästinenser zugleich Besatzung, Vertreibung oder Diskriminierung erfahren.
Ich hätte früher natürlich nicht behauptet, dass Palästinenser allesamt gute Menschen sind. Aber ein bisschen habe ich das schon so gefühlt. Am deutlichsten wurde das bei meinen Vorstellungen von indigenen Leuten, die gegen Invasoren und Kolonialisten kämpfen. Vor meinem inneren Auge sah ich aufrechte, dunkelhäutige Männer mit ernsten, verklärten Gesichtern. Sie hatten eine edle Gesinnung und ein gesünderes Verhältnis zu sich selbst und zum Leben als wir. Die edlen Wilden quasi. Dieses Bild stimmt halt so nicht. Auch bei indigenen Völkern gibt es Bosheit und Dummheit und Leute, die über die Welt nachdenken und sich für oder gegen etwas entscheiden. Nicht nur gesunde und edle Männer. Auch da werden Menschen auf eine Projektionsfläche reduziert.
Palästinasolidarität
Schwierig waren für mich auch die ständigen Antideutschen Vorwürfe gegen Linke, die auf Seiten der Palästinenser sind. Die Familie meiner Schwägerin wurde in den 1940ern aus Palästina vertrieben. Außerdem kannte ich die Bilder von Kindern, die Steine schmissen und die von israelischen Soldaten beschossen wurden. Oder Videos, in denen palästinensischen Männern von Soldaten die Arme gebrochen wurden. Das prägte meine Sicht auf das Ganze: Die Palästinenser sind die Schwächeren und werden brutal unterdrückt. Das ist ja traditionell eine ganz wichtige linke Emotion: Wut gegen die Unterdrückung von Schwächeren.
Die Antideutschen hielten dagegen mit großer moralischer Wucht. Palästinenser seien antisemitisch, rückwärtsgewandt und aggressiv und wollten gar keine freien Gesellschaften. Wer sich mit ihnen solidarisierte, bekam gleich den Antisemitismusvorwurf mitgeliefert. Das regte mich auf, verunsicherte mich aber auch. Und dann schaute ich doch in die damalige Charta der Hamas. Das war schon ein Augenöffner. Den Antisemitismus muss man da nicht mühsam hineininterpretieren. Darin wird eine jüdische Verschwörung beschrieben und sogar auf die „Protokolle der Weisen von Zion“ verwiesen, eine der bekanntesten antisemitischen Fälschungen überhaupt.
Solche Widersprüche anzuerkennen führte nicht dazu, dass ich finde, Palästinenser seien keine Menschen. Aber es untergrub schon meine Verbundenheit. Ich versuchte zunehmend zu differenzieren und ganz genau zu argumentieren. Was ja an sich auch nicht das Schlechteste ist. Aber es kann auch falsch sein.
Als sich der Blick wieder verschob
Einem Freund von mir ging es ähnlich. Er stritt sich viel mit Antideutschen, aber deren Argumente waren präsent. Er las auch regelmäßig die Jungle World, eine Zeitung, die als ein Sprachrohr der Antideutschen gilt. Als die Angriffe Israels auf Gaza begannen, hatte er einen harten Streit mit einem befreundeten Syrer. Der warf ihm vor, sich wahnsinnig über Polizeigewalt gegen Linke bei Demonstrationen in Deutschland aufzuregen. Aber sobald es um Palästinenser ging, wolle er immer differenzieren, abschwächen und beide Seiten sehen. Selbst wenn Scharfschützen unbewaffnete erschossen.
Das kenne ich auch von mir. Ich war wahnsinnig vorsichtig, zu stark Position für die Palästinenser zu beziehen. Umgekehrt ist es mir nicht so schwer gefallen.
Die Massaker der Hamas vom 7. Oktober waren wahrscheinlich der Moment, in dem wir so eindeutig auf Israels Seite standen wie nie zuvor. Einfach, weil sie so eindeutig falsch waren. Aber schon bald danach kippte etwas. Je deutlicher wurde, mit welcher Brutalität Israel in Gaza Krieg führte, desto stärker veränderte sich unser Blick. Der Vorwurf seines syrischen Freundes traf ihn zusätzlich. Er beschäftigte sich intensiver mit dem Konflikt, und seine Sicht auf Israel und die Palästinenser begann sich zu verändern.
Ein Hammer sieht überall nur noch antisemitische Nägel
Mein Kumpel ist inzwischen deutlich kritischer gegenüber Israel und dessen rechtsextremer Kriegs- und Siedlungspolitik. Auch bei mir hat sich etwas verändert. Die israelischen Verbrechen im Gazakrieg waren ein Auslöser. Aber ich hatte mich schon vorher schleichend von antideutschen Positionen entfernt.
Ein Problem sehe ich heute gerade in der antideutschen Ideologiekritik. Viele von ihnen erklären den Palästinakonflikt nur oder fast nur mit Antisemitismus. Die Wut der Palästinenser, die Gewalt, die Solidarität mit den Leuten aus Palästina. Alles entstammt angeblich nur dem Antisemitismus. Und das halte ich für Quatsch.
Die Sicht des Nahostwissenschaftlers Tom Khaled Würdemann finde ich da viel schlauer. Er spricht von dem Konflikt als einem Konflikt zweier Nationalbewegungen, die dasselbe Land beanspruchen. Auf palästinensischer Seite spielt Antisemitismus eine wichtige Rolle, auf israelischer Seite Rassismus. Beides verschärft den Konflikt massiv. Beides ist aber nicht seine alleinige Ursache. Würdemann spricht von ideologischen Treibstoffen eines territorialen Konflikts.
Das macht es klarer: Zwei nationale Bewegungen kämpfen seit Generationen um dasselbe Land. Dazu kommen Vertreibung, Besatzung, Terror, Siedlungspolitik, Krieg und immer neue Gewalterfahrungen. Das reicht, um Nationalismus, Hass und Extremismus hervorzubringen. Antisemitismus kann sich damit verbinden und den Konflikt weiter radikalisieren. Wer ihn aber zur Erklärung für alles macht, versteht die Realität nicht mehr.
Ein gutes Beispiel für diese Überdehnung des Antisemitismusbegriffs ist der Umgang mit der Parole „From the river to the sea“. Diese formuliert zunächst einen nationalen Anspruch auf das gesamte Gebiet zwischen Jordan und Mittelmeer. Das ist radikal und gefährlich. Antisemitisch ist es deshalb aber nicht automatisch. Es gibt ja auch auf israelischer Seite Forderungen nach einem „Großisrael“, die nicht automatisch als Vernichtungsaufruf gedeutet werden. Entscheidend sind Sprecher und Kontext.
Antisemitismus ist real. Es gibt ihn unter Palästinensern wie unter Deutschen aller politischen Richtungen. Es ist sehr gut, dass die Antideutschen diese Ansicht unter deutschen Linken verbreitet haben. Aber ein Hammer sieht überall nur noch Nägel. Gerade die lautstarken Antideutschen neigen dazu, die Dinge in ihrer maximal antisemitischen Bedeutung zu lesen. Sie überdehnen das Argument und sehen die Realität dadurch verzerrt. Damit machen sie den spiegelbildlichen Fehler ihrer Gegenseite: Die einen leugnen Antisemitismus, solange er nicht mit Hakenkreuzen auftritt. Die anderen leugnen alles außer Antisemitismus.
Sie sind dann keine Menschen mehr
Wer palästinensische Wut und Gewalt konsequent nur mit einem im Islam und in „arabischer Kultur“ verankerten Antisemitismus erklärt und andere Ursachen ausblendet, landet bei einem rassistischen Kulturalismus. Besatzung, Gewalterfahrungen, Vertreibung, soziale Bedingungen und selbständiges Denken verschwinden dann aus der Erklärung. In dieser Deutung werden Palästinenser zu Robotern, die nur noch ihr antisemitisches Programm abspulen. Andere Motive gibt es dann nicht mehr. Man ist nur noch das.
Mein Mitstudent vom Anfang hat diese Logik idealtypisch zu Ende gedacht. Wenn Kultur und Ideologie einen Menschen vollständig bestimmen, hat er keinen eigenen Kopf mehr. Genau das behauptete er: Die Palästinenser seien so ideologisch verblendet, dass sie keine Menschen mehr seien.
Mir geht es nicht darum, allen Antideutschen diese Sicht zu unterstellen. Viele betrachten Antisemitismus zu Recht als einen wichtigen Faktor, ohne alle anderen Erklärungsmöglichkeiten auszublenden. Ich finde es aber hilfreich, diese Logik konsequent zu Ende denken. Und mir scheint es schon so, dass viele der Antideutschen sie zu wenig hinterfragen.
Da hilft es auch nicht, dass manche sich gegen den Rassismusvorwurf immunisieren, indem sie einzelne Araber oder Palästinenser als Kronzeugen herausstellen, die es geschafft haben, sich aus ihrer antisemitischen Kultur zu lösen. So wie auch schwarze AfD-Mitglieder als Beleg dafür herhalten sollen, dass die AfD angeblich nicht rassistisch sei. Die Ausnahme bestätigt dann nur die Regel.
Die verkürzte, verkürzte Kapitalismuskritik
Auch bei der „verkürzten Kapitalismuskritik“ (was für ein hässliches Wort!) hat sich meine Sicht weiterentwickelt. Es stimmt: Kapitalismus lässt sich nicht einfach mit besonders gierigen oder bösen Kapitalisten erklären. Konkurrenz, Eigentumsverhältnisse und Profitzwang prägen ihr Verhalten.
Aber auch diese Einsicht kann selbst zur Verkürzung werden. In antideutschen Debatten habe ich oft erlebt, dass pauschal jede Kritik an einzelnen Unternehmen oder reichen Menschen als Personalisierung des Kapitalismus und damit als strukturell antisemitisch galt.
Das ist aber überhaupt nicht hilfreich. Apple kann sehr wohl beeinflussen, wie seine Zulieferer ihre Beschäftigten behandeln. Nachdem sich bei einem Zuliefererbetrieb eine Reihe Arbeiter das Leben genommen hatte, ließ der Konzern nach massiver Kritik die Fabriken unabhängig prüfen. Danach wurden unter anderem Löhne erhöht, Arbeitszeiten gesenkt und Sicherheitsbedingungen verbessert. Nestlé musste auch nicht täglich Millionen Liter Wasser aus dem Gebiet der Six Nations in Ontario fördern, während viele Bewohner dort keinen Zugang zu sauberem Leitungswasser hatten. Und kein Konkurrenzdruck zwingt Elon Musk, Donald Trump massiv finanziell und ideologisch zu unterstützen oder Deutschen die AfD zur Wahl zu empfehlen. Das sind Entscheidungen von Menschen und Unternehmen mit sehr viel Macht. Das strukturelle Problem besteht hier eher darin, dass einzelne Menschen überhaupt so viel Geld und damit politischen Einfluss anhäufen können.
Es stimmt, dass Kapitalismus auch ein schlechtes System bleibt, wenn alle Kapitalisten gute Menschen sind. Im Großen und Ganzen ist darum das Game das Problem und nicht die Player. Dennoch: Unternehmen und Milliardäre haben teils riesige Handlungsspielräume. In vielen Fällen haben Superreiche das Schicksal von Gesellschaften völlig verändert.
Darum macht es einen Unterschied, ob man besonders destruktives Verhalten kritisiert und begrenzt oder die Kritik mit „Das ist halt der Kapitalismus“ abwiegelt. Wenn Musk Rechtsextremismus und Fake News fördert, muss man Musk dafür auch angreifen.
Das gilt nicht nur für einzelne Akteure. Auch die allgemeinen Regeln des Kapitalismus sind teils veränderbar. Arbeitsrecht, Sozialstaat oder Gewerkschaften schaffen den Kapitalismus nicht ab. Aber sie machen den Unterschied zwischen einer Welt, in der Menschen nicht einfach hungern oder frieren gelassen werden und dein Chef dich nicht von heute auf morgen feuern kann, und einer Welt, in der die Polizei mehr oder weniger der verlängerte Arm der Bosse ist und du das Pech haben kannst, jeden Morgen in einem Slum aufzuwachen.
Die Kritik der Antideutschen enthielt darum auch wieder nur die halbe Wahrheit. Ihre „Brille“ war gut, aber sie reicht nicht.
Was mir von den Antideutschen bleibt
Okay, ich habe jetzt sehr allgemein von „den Antideutschen“ gesprochen. Dabei gibt es riesige Unterschiede. Der Publizist Jürgen Elsässer kam aus diesem Milieu und wurde rechtsextrem. Die Zeitschrift Bahamas hat sich aus dem antideutschen Milieu heraus weit nach rechts entwickelt und vertritt heute offen islamfeindliche und rassistisch-kulturalistische Positionen. Und dann gibt es die Jungle World, die weithin als antideutsch gilt, obwohl sich viele Leute dort gegen diese Bezeichnung wehren. Zwei enge Freunde von mir arbeiten in der Jungle World als Redakteure. Sie nehmen Antisemitismus sehr ernst und können gleichzeitig israelische Politik scharf kritisieren. Palästinenser sind für sie keine Roboter, die nur ihr antisemitisches Programm abspulen. Und Antisemitismus ist für sie nicht die Erklärung für alles.
Das ist mir wichtig. Auch „die Antideutschen“ sind keine einheitliche Gruppe. Mein Mitstudent vom Anfang war real. Diese Art zu denken gibt es. Aber sie bestimmt nicht die ganze Strömung.
Und einiges, was ich von den Antideutschen gelernt habe, will ich gar nicht wieder loswerden. Unterdrückte sind nicht automatisch die Guten. Antisemitismus verschwindet nicht, nur weil er von Menschen kommt, die selbst unterdrückt werden. Und Kapitalismus lässt sich nicht dadurch erklären, dass ein paar besonders böse Ultrareiche hinter allem stecken.
Ich habe also tatsächlich etwas von diesen Leuten gelernt, die mich wirklich ankotzten. Einige ihrer Einsichten sind geblieben. Andere halte ich dagegen für falsch und gefährlich.
Wenn du jemanden kennst, den dieser Text interessieren könnte, schick ihn gerne weiter.
Zwei der Beitragsbilder stammen von „Fateless Fear“




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