Der Text hier ist für Leute geschrieben, die linke Ansichten teilen. Es war nicht einfach, ihn zu schreiben. Warum, erkläre ich im Text. Wer sich jetzt schon darüber freut, dass ein Linker am Feminismus zweifelt: Zu früh gefreut.
Neulich habe ich für die Taz über meine schlechten Gefühle nach der Geburt meines Kindes geschrieben. Und über den richtigen Umgang damit. Eine Bekannte meiner Partnerin meinte zu dem Text, dass sie Klagen von Männern nicht mehr hören kann. In der Zeit, in der der Text geschrieben wurde, hätte man ja mal das Bad putzen können. Überhaupt ärgert es sie, dass erst ein Vater so ein Problem haben muss, damit es zeitungswürdig wird. Im Gegenteil müssten erstmal alle anderen Gruppen angehört werden, bevor wieder ein Mann etwas sagt.
Worum es hier geht
Das ist eine harsche Ansage, finde ich. Aber wer hat nicht schon mal übertrieben harsch? Das hier soll keine Abrechnung mit ihr werden.
Mir geht es um etwas Größeres. Feministische Konzepte können uns Realitäten sehen lassen, für die wir vorher blind waren. Manchmal verzerren sie aber auch den Blick. Und sie können als Waffe benutzt werden: Um andere unter Druck zu setzen, ihnen versteckte Motive zu unterstellen oder um sich selbst gegen Kritik zu immunisieren. Das kann Beziehungen vergiften und ist am Ende auch schlecht für feministische und linke Politik. Das liegt nicht einfach am Feminismus. Menschen können alles, was so herumliegt, als Waffe benutzen. Aber feministische Konzepte haben bei mir und bei vielen Linken eine besondere Autorität. Sie gehören zu unserem moralischen Kompass und zu unserer Identität. Das macht auch Sinn. Aber das macht es uns auch schwerer, uns gegen Vorwürfe wie oben abzugrenzen. Ich möchte nicht mehr vor Ehrfurcht erstarren, weil jemand feministische Begriffe verwendet. Keinen blinden Wahrheitsvorschuss, quasi. Davon loszukommen würde mir, vielen Leuten um mich herum und auch anderen Linken guttun.
Der Wahrheitsvorschuss
Oje, hat sie vielleicht Recht?
Denn es ist so: Ich und auch meine Partnerin würden Aussagen dieser Art viel schneller als unfreundlichen Scheiß abtun. „Soll der erst mal das Bad putzen? Nee, die weiß so gut wie nichts über uns. Was fällt der ein?“ Aber da die Bekannte feministische Begriffe benutzt, verunsichert uns beide, was sie sagt. Dabei ist es doch so: Natürlich ist nicht jede feministisch klingende Aussage klug oder treffend. Warum sollte das so sein?
Dennoch haben bei uns beiden Begriffe wie Patriarchat, Privilegien oder männliche Dominanz eine große Autorität. Fast etwas Heiliges. Wird eine Kritik mit diesen Konzepten begründet, löst das einen intensiven inneren Prüfungsprozess aus. Oje, vielleicht hat sie Recht? Habe ich einen blinden Fleck? Gehöre ich zu diesen Männern, die sich mit ihren Artikeln wichtig machen und sich dabei mit ihrem Feminismus brüsten, während ihre Partnerinnen im Hintergrund schuften? Gehöre ich zu diesen Frauen, die unterdrückt werden, und es selbst nicht merken?
Ein gewisser Vorschuss ist also durchaus nachvollziehbar. Er darf nur nicht die Prüfung des konkreten Arguments ersetzen.
Dazu kommt, dass Feminismuskritik heute stark kulturkämpferisch aufgeladen ist. Leute erzählen seit Jahren, dass Feminismus Männer unterdrückt, Frauen bevorzugt oder Männern verbietet, Männer zu sein. Das meiste davon ist gefährlicher Unsinn. Und ich will diese Leute nicht unterstützen. Das ist auch ein Grund, warum mein innerer Alarm zu läuten beginnt, wenn ich selbst etwas sage, das nur entfernt ähnlich klingt: Vorsicht, falsche Richtung! Nur sagt dieser Alarm eben noch nichts darüber aus, ob das konkrete Argument richtig oder falsch ist.
Wenn der Blick verzerrt
Eine Aussage sollte zutreffend sein. Sie muss eine Realität beschreiben. Da sollte es eigentlich egal sein, ob sie ein feministisches Konzept benutzt oder nicht. Nehmen wir die Behauptung, da müsse „erst mal ein Mann ein Problem damit haben, damit das Thema gehört wird“. Ich denke, das ist in vielen Fällen wahr. In Betrieben, privaten Gesprächen, in den Medien, selbst in der Medizin werden Aussagen von Männern nachweislich oft ernster genommen. Das ist scheiße. Aber deshalb stimmt es noch lange nicht immer und überall.
In unserem Fall stimmt es nicht. Das Thema postpartale Depressionen wird seit vielen Jahren öffentlich besprochen. Im Gegenteil wird es sogar eher Frauen zugeschrieben. Ich habe mehr als einmal gehört, „das haben doch nur Frauen“. Was halt nicht stimmt. Es ist sogar umgekehrt so, dass die Daten bei Männern schlechter erfasst werden. Ihre Behauptung ist also unwahr. Aus feministischer Sicht ist es außerdem gut, wenn Männer offen über Schwäche und Gefühle sprechen. Als Gegenmittel zu toxischer Männlichkeit.
Ich sehe, dass Care-Arbeit ungleich verteilt ist. Dass Männer dazu neigen, sich zu viel Raum zu nehmen, dass andere Gruppen mehr gehört werden sollten. Sexismus und sexuelle Gewalt sind reale und massive Probleme. Und natürlich ist es sinnvoll, sich zu fragen, ob in der eigenen Beziehung alte Geschlechterrollen weiterwirken.
Aber daraus folgt nicht, dass von nun an jeder Mann jederzeit die Schnauze halten muss. Das fordern auch die wenigsten Feministinnen. Und dennoch wird so etwas immer wieder gesagt.
Sicher seltener, als es antifeministische Kulturkämpfer in den Kommentarspalten behaupten. Aber es passiert.
Aus der Tatsache gesellschaftlich ungleich verteilter Care-Arbeit folgt nicht, dass meine Partnerin mit einem schreienden Kind zu kämpfen hatte, während sie gerade die Wäsche aufhängt und mein Essen kocht, nur damit ich Zeit habe, mein kleines Schreibprojekt zu vollenden. Und schon gar nicht folgt daraus, dass eine Depression weniger erzählenswert ist, weil derjenige, der sie hat, ein Mann ist. Da wird aus einer sinnvollen feministischen Perspektive ein hässliches Sortieren von Menschen.
Wenn feministische Begriffe zur Waffe werden
Meine Partnerin meinte, wenn sie ehrlich sei, habe sie feministische Konzepte selbst auch schon als Waffe benutzt. Um eine aus der Balance geratene Diskussion zu gewinnen oder um das nervige Gegenüber zusammenzustutzen. Ich will das Motiv gar nicht zu sauber festlegen. In Auseinandersetzungen weiß man oft selbst nicht so genau, ob man sich verteidigt, zurückschlägt oder einfach gewinnen will.
Jedenfalls hat sie recht. Geht mir auch so. Und wir haben beide hinterher schon gemerkt, dass das konkrete Argument trotzdem falsch oder unfair war. Das ist menschlich. Und es ist klug, wenn man sich das eingesteht und in Zukunft darauf achtet, es nicht zu tun.
Genau darum geht es mir hier. Wenn wir den automatischen Wahrheitsvorschuss vom Feminismus lösen, stärkt das die berechtigten feministischen Argumente. Denn, klar, man hat erst mal eine Wirkung, wenn man anderen vorschnell einen privilegierten oder patriarchalen Blick unterstellt, den sie selbst nicht wahrhaben wollen. Aber langfristig führt diese Strategie eher zu Stress und Missverständnissen. Man merkt ja dann doch in der Regel, dass der Vorwurf unfair war und einem nicht guttut. Denken funktioniert meist besser ohne Vorwürfe und Unterstellungen. Manchmal ist es natürlich angemessen, zu konfrontieren.
Es ist wohl klar, dass man solche Konzepte meist nicht bewusst als Waffe benutzt. Unsere Bekannte ist ansonsten ein kluger und netter Mensch . Ich vermute, sie hat da eine Wut rausgelassen, die eine reale Grundlage hat, aber das falsche Ziel trifft. Ein Ressentiment. Frauen haben reale Gründe, auf Männer wütend zu sein. Das ist keine Einbildung. Und natürlich ist dieses Ressentiment nicht dasselbe wie rassistische Ressentiments gegen eine unterdrückte Gruppe. Aber auch eine verständliche Wut wird nicht automatisch klug oder gerecht. Sie kann Menschen über einen Kamm scheren und ihr Leiden gering schätzen. Das Herz hat nicht automatisch recht, nur weil es aus guten Gründen wütend ist.
Wenn feministische Kritik Agency überschreibt
Auch meine Partnerin will nicht wie eine Antifeministin klingen. Und sie erlebt einen etwas anderen Loyalitätskonflikt. Wenn andere Frauen sehr entschieden erklären, was eine feministische Frau von ihrem Partner verlangen sollte, wie Care-Arbeit verteilt werden sollte oder wie sie ihre eigene Beziehung beurteilen sollte, beginnt sie zu schnell, an sich selbst zu zweifeln. Vielleicht bin ich nicht konsequent genug. Vielleicht lasse ich mir etwas gefallen. Vielleicht sehe ich das Patriarchat in meiner eigenen Beziehung nicht.
Eigentlich sollte Feminismus ihr mehr Freiheit und Stärke geben. Mehr Möglichkeiten, selbst darüber zu entscheiden, wie sie leben, arbeiten, Mutter sein oder nicht Mutter sein, oder ihre Beziehung führen möchte. Dazu gehört selbstverständlich auch, sich selbst und die eigene Beziehung auf versteckte patriarchale Muster zu untersuchen. Vielleicht übernimmt man alte Rollen, ohne es zu merken. Das ist eine Spannung, die man ein Stück weit aushalten muss. Zu viel wird es aber, wenn die Antwort eigentlich schon feststeht. Wenn jede Entscheidung, die nicht in das erwartete feministische Muster passt, sofort als Beleg dafür gilt, dass man die eigenen patriarchalen Prägungen noch nicht verstanden hat.
Eine Freundin von mir, die selbst Mutter ist, erzählte mir ganz Ähnliches: Sie fühle sich enorm unter Druck gesetzt durch den ständigen, lauernden Vorwurf, sie würde ihre Beziehung und die Familie nicht feministisch genug gestalten. Sie meinte, prinzipiell hält sie die Argumente für gut. Aber zu ihrer Realität würden sie meist kaum passen. Sie verursachten bei ihr mehr Stress als Freiheit.
Der Verweis auf versteckte und düstere innere Motive ist besonders fies, weil man ihn nie wirklich widerlegen kann. Jede Antwort, jedes Argument kann als schmutziger, blinder Fleck gedeutet werden. Und wer zur Selbstprüfung neigt, hat vermutlich schon oft erlebt, dass er tatsächlich einen hatte. Es ist gut, darauf zu prüfen. Aber nicht endlos eben.
Ohne Agency ist alles nichts
Am Ende müssen wir wieder beim Menschen ankommen, der selbst über sein Leben entscheidet. Sonst ist alles nichts. Auch eine Frau kann eine Aufteilung gut finden, die von außen traditionell aussieht. Das ist ok. Dem würden auch die meisten Feministinnen nicht widersprechen. Wenn eine bestimmte Form feministischen Denkens jede Entscheidung überschreibt und besser zu wissen meint, was die Frau eigentlich will, dann ist etwas falsch. Dann verliert sie ausgerechnet das, was Feminismus ihr eigentlich ermöglichen sollte: Agency. Also die Fähigkeit, selbst zu handeln und Entscheidungen über das eigene Leben zu treffen.
Besser für feministische und linke Politik
Auch politisch ist es falsch, feministische Argumente zu benutzen, um andere kleinzumachen oder eine Diskussion für sich zu entscheiden. Es vergiftet die Beziehungen zueinander. Eine Sprache, die eigentlich Freiheit schaffen soll, erzeugt Misstrauen und Stress.
Und es ist ein Bärendienst für den Feminismus selbst. Wer ein schlechtes Argument mit Begriffen wie Patriarchat oder Privilegien auflädt, macht dadurch das schlechte Argument nicht besser. Im Gegenteil. Irgendwann merken die Leute, dass sie unfair behandelt wurden. Dann leidet nicht nur dieses eine Argument, sondern schnell auch die Glaubwürdigkeit der feministischen Argumentationen.
Das ist auch für Linke insgesamt ein Problem. Wir wollen ja Menschen überzeugen. Das wird schwieriger, wenn wir als Leute wahrgenommen werden, die komplizierte Begriffe benutzen, um sich selbst moralisch über sie zu stellen. Für mich und meine Linkswerdung war es jedenfalls höchst relevant, welche der Gruppen ich mochte und welche nicht. Und wenn Linke als Arschlöcher wahrgenommen werden, ist das schlecht für alle.
Hier ändert sich gerade meine – und unsere – Haltung zum Feminismus. Ich bleibe mit Feministinnen solidarisch. Aber ich will nicht mehr das Gefühl haben, jeder Person, die feministische Begriffe benutzt, recht geben zu müssen. Ich möchte leichter sagen: Diese feministische Perspektive überzeugt mich. Und diese eben nicht.
Feministische Kritik von innen
Das ist keine Kritik, für die ich den Feminismus verlassen müsste. Im Gegenteil. Gerade feministische Theoretikerinnen liefern gute Argumente dafür.
In „Rethinking Recognition“ kritisiert die feministische Theoretikerin Nancy Fraser eine bestimmte Form von Identitätspolitik. Das Problem beginnt für sie dort, wo aus politischen Kategorien feste Gruppenidentitäten werden. Daraus entspringt die Vorstellung, wie eine Frau, jemand, der Schwarz oder schwul ist, denken und leben sollte. Die tatsächlichen Menschen sind aber komplizierter. Fraser warnt deshalb vor dem Druck, sich der eigenen Gruppe entsprechend zu verhalten.
Feminismus soll Frauen nicht erklären, wie eine emanzipierte Frau richtig lebt. Er soll Verhältnisse abbauen, die Frauen daran hindern, als Ebenbürtige am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Fraser nennt das „parity of participation“. Welche Veränderung dafür nötig ist, steht nicht schon vorher fest.
Mehrere Brillen. Nicht nur eine!
Meine Partnerin erklärte gestern, als wir in der Küche über das Thema diskutiert haben, man könne nach bestimmten Erkenntnissen manches nicht mehr nicht sehen. Und das sei für sie so, wenn es um Feminismus geht. Ich finde das sehr gut formuliert.
Es gibt aber auch andere „Brillen“, die Wichtiges sichtbar machen. Klasse zum Beispiel. Ein Mann aus einer armen Familie kann sehr viel weniger Macht besitzen als eine Frau aus einer reichen Familie und trotzdem in bestimmten Situationen als Mann privilegiert sein. Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Dann gibt es die Brille der individuellen Biografie. Die der Psychologie. Die konkreter Beziehungen, wo zwei Leute eben miteinander sprechen, Kompromisse schließen, etwas aushandeln.
Ich halte es für klug, mit mehreren Brillen auf die Welt zu schauen und zu vergleichen, was wir damit jeweils sehen. Gerade deshalb sollte keine von ihnen automatisch recht haben. Feminismus ist besser ohne Wahrheitsvorschuss. Dann können wir schlechte Argumente leichter zurückweisen und widersprechen, wenn gute feministische Gedanken benutzt werden, um andere kleinzumachen.
Meine Partnerin erklärte gestern, als wir in der Küche über das Thema diskutiert haben, man könne nach bestimmten Erkenntnissen manches nicht mehr nicht sehen. Und das sei für sie so, wenn es um Feminismus geht. Ich finde das sehr gut formuliert.
Es gibt aber auch andere „Brillen“, die Wichtiges sichtbar machen. Klasse zum Beispiel. Ein Mann aus einer armen Familie kann sehr viel weniger Macht besitzen als eine Frau aus einer reichen Familie und trotzdem in bestimmten Situationen als Mann privilegiert sein. Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Dann gibt es die Brille der individuellen Biografie. Die der Psychologie. Die konkreter Beziehungen, wo zwei Leute eben miteinander sprechen, Kompromisse schließen, etwas aushandeln.
Ich halte es für klug, mit mehreren Brillen auf die Welt zu schauen und zu vergleichen, was wir damit jeweils sehen. Feminismus ist besser ohne Wahrheitsvorschuss. Dann können wir schlechte Argumente leichter zurückweisen und widersprechen, wenn gute feministische Gedanken benutzt werden, um andere kleinzumachen.
Ich sehe dadurch nicht weniger von dem, was mir Feminismus gezeigt hat. Ich sehe mehr. Glaube ich.
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