Ich habe Curtis Yarvin gelesen. Den Vordenker von sehr mächtigen Leuten in den USA. Es war frustrierend.
Eine ganze Reihe von Leuten, die sehr viel Macht haben, sind schwer beeinflusst von dem Blogger Curtis Yarvin. Vizepräsident Vance und der Tech-Milliardär Peter Thiel sind bekannte Anhänger von Yarvins Ideen. Auch der der reichste Mann der Welt Elon Musk scheint von ihm beeinflusst zu sein. Ich werde hier einen seiner Texte vorstellen: „A formalist Manifesto“ aus dem Jahr 2007.
Das scheint einer seiner grundlegenden Texte zu sein, zu denen er auch heute noch steht. Er ist auf seinem Blog zu finden, geschrieben unter seinem Pseudonym Mencius Moldbug. Ich will mich auf diesen einen Text beziehen, weil er frei zugänglich ist und nicht all zu lang. Heißt, ihr könnt recht einfach prüfen, ob stimmt, was ich sage. Einen weiteren Blick auf seine anderen Schriften und seine Biografie unternimmt der Podcast „Behind the Bastards“. Der ist wirklich gut gemacht.
Yarvin umreißt in dem Beitrag eine alternative politische „Ideologie“. Er betrachtet Staaten als Unternehmen und findet, sie sollten auch so geführt werden. Außerdem greift er das Konzept der Demokratie an und fordert eine feste Herrschaftsstruktur. Das erst mal zur Übersicht.
Man sieht ziemlich deutlich, dass er sich für einen visionären Intellektuellen hält. Nur halt einer, der mit Internet-Jungs-Sprache und – witzen arbeitet. Er sagt, er lese gerne ältere Texte und denke sie dann mutig neu. Mutig müssten auch die Lesenden sein, denn damit könnten sie „ihre Ideologie ersetzen“. Das sei „[…] wie eine Do-it-yourself-Gehirnoperation. Sie erfordert Geduld, Toleranz, eine hohe Schmerzgrenze und eine sehr ruhige Hand“.
Der Formalismus soll das Gewaltproblem lösen
Dass er tatsächlich ältere Texte aus der politischen Philosophie gelesen hat zeigt sich auch daran, dass er recht grundsätzlich an die Probleme der Welt herangeht. Das ist recht typisch für einige ältere Denker. Vielleicht macht das Yarvins Texte für manche so faszinierend. Weil man so ganz neu auf die Welt schauen kann.
Er stellt fest, dass die Menschheit ein zentrales Problem hat: Gewalt. Insbesondere organisierte Gewalt. Und genau dieses Problem müsse jede gesellschaftliche Ordnung lösen und sich daran messen lassen . Das wirkt erstmal sehr realistisch und systematisch. Alle anderen Probleme wie Klimawandel oder Armut sollten dabei zurückzustehen.
Und wie löst er das Problem?
Der Schlüssel liege erstmal darin, das nicht als moralisches Problem zu sehen, sondern als technisches. „Jede Lösung, die das Problem löst, ist akzeptabel. Jede Lösung, die das Problem nicht löst, ist nicht akzeptabel.“
Seiner Ansicht nach entsteht Gewalt, wenn es Streitigkeiten gibt und gleichzeitig Unklarheit über die Regeln oder deren Durchsetzung herrscht. Um Gewalt zu vermeiden, strebt der Formalismus, wie er seine politische Ideologie benannt hat, nach klaren, eindeutigen und unzerbrechlichen Regeln. Diese legen im Voraus fest, wem was zusteht. Das soll alle Unsicherheiten beseitigen.
Und wie bekommt man das hin? Anstatt zu diskutieren, wer was haben sollte, will er genau erfassen, wer gerade was besitzt. Diese Eigentumsverhältnisse werden dann formal anerkannt. Schließlich führe der Versuch, die Verteilung von Gütern zu verändern, nur zu mehr Gewalt.
Er erklärt, dass der Erfolg von Ländern wie Europa, Japan und den USA nach dem Zweiten Weltkrieg nicht auf der Demokratie beruhe, sondern auf der Abwesenheit tatsächlicher demokratischer Entscheidungsprozesse durch „apolitische“ Beamte und Richter.
Dubai als großes Vorbild
Die drei positiven Beispiele, mit denen er sein Argument belegt, sind Singapur, Hongkong und Dubai. Diese seien wirtschaftlich erfolgreiche Stadtstaaten, die durch Wohlstand und relative Politikfreiheit gekennzeichnet seien. Das würde sie so erfolgreich machen: Sie sind klein und sie werden autoritär geführt. Gerade Dubai scheint es ihm dabei angetan zu haben.
„Dubai hat als Ort fast nichts zu bieten. Das Wetter ist furchtbar, es gibt keine Sehenswürdigkeiten und die Nachbarschaft ist grauenhaft. Es ist winzig, liegt mitten im Nirgendwo und ist umgeben von Allah-verrückten Wahnsinnigen mit einer verdächtigen Vorliebe für Hochgeschwindigkeitszentrifugen. Dennoch verfügt es über ein Viertel aller Kräne weltweit und wächst wie Unkraut. Was würde passieren, wenn hier die Maktoums beispielsweise in Baltimore das Sagen hätten?“
Na klar, die würden Baltimore in eine blühende Landschaft verwandeln. Nicht.
Realitätscheck sind wichtig
Ich muss an dieser Stelle sagen, dass mich der Text ziemlich frustriert. Weil er zum Teil ziemlich wirr ist und auch sonst die Beweisführung nicht funktioniert. Und dann frustriert mich eben, wenn einige der mächtigsten Menschen der Welt das auch noch toll finden. Dabei gibt es durchaus Philosophien, die bei Rechten beliebt sind, die sehr, sehr klug sind. Die Argumentation von Yarvin erinnert auf den ersten Blick an die des vor etwa 350 Jahren verstorbenen Philosoph Thomas Hobbes. Nur war Hobbes deutlich klüger. Hobbes meinte, dass einige wenige Böse reichen, um die Gesellschaft in Angst und Schrecken zu versetzen und so eine Spirale der Gewalt auszulösen. Diese kann nur ein starker Herrscher unterdrücken. Wenn man sich ehrlich damit auseinandersetzt, sind diese Argumente nicht leicht wegzuwischen. Aber Yarvin ist nicht nur wegen seiner Jungswitze nicht annähernd vergleichbar mit Leuten wie Hobbes.
Schon seine Begriffe passen nicht wirklich zu seiner Argumentation. Wenn „Formalismus“ bedeutet, dass Regeln und Strukturen festgelegt werden, widerspricht der Idee vom Staat als Unternehmen. Welches Unternehmen kann aktiv handeln, wenn alle Strukturen festgelegt sind? Warum sollte ein Unternehmen arbeiten, wenn doch die Eigentumsverteilungen festgelegt sind? Tatsächlich will er eine „geschäftsführenden Monarchie“, wie er es in anderen Texten bezeichnet. Heißt, er will eine autoritäre Herrschaft, die einmalig von „Aktionären“ gewählt wird. Diese soll dann nicht mehr begrenzt werden durch Regeln, Gerichte oder Gewaltenteilung. Ganz einfach.
Darüber können wir reden. Ist ja schließlich nichts Neues (was er zwar zugibt, und dann behauptet er doch, er würde eine „neue Ideologie“ liefern). Angefangen mit seinen Beispielen. Da zeigt sich, dass er entweder nicht mehr Ahnung vom Thema hat, als eine Fernsehdoku hergibt, oder es ist ihm einfach egal, ob seine Beispiele im Einzelnen der Realität entsprechen. Honkong war bis vor kurzem zwar keine perfekte Demokratie, aber ein autokratisches System war es bis zur Übernahme der Chinesen ja gerade nicht. Der Stadtstaat hatte demokratische Strukturen, einen Rechtsstaat (den autoritäre Herrscher von Trump bis Putin bekanntlich hassen) und eine aktive Zivilgesellschaft. Auch Singapur ist keine Diktatur, sondern wird als „semi-demokratisch“ bezeichnet. Und die Beschreibung von Dubai, das sich unter furchtbaren Bedingungen reich gearbeitet hat, weil es nicht demokratisch geführt wurde, ist Unsinn.
Dubai liegt geografisch und geopolitisch ideal zwischen anderen ölreichen Staaten, geschützt von diesen und anderen mächtigen Staaten und direkt an einer reichen Handelsroute. Es sind die riesigen Geldmengen, die aus Öl – und Gasverkäufen stammen, mit denen man die besten Experten bezahlen, Wolkenkratzer und riesige Flughäfen bauen, eine modernste Infrastruktur und Investitionen ermöglichen konnte. Ohne das wäre der Aufbau des Landes und die spätere Diversifizierung der Wirtschaft nicht möglich gewesen. Dass kleine Staaten oft effizienter arbeiten als große ist nichts Neues. Die Schweiz, Island und Luxemburg arbeiten auch ohne gewaltige Ölgelder sehr gut und sie sind demokratische Länder. Außerdem hat das kleine-Staaten-Argument nicht viel mit Yarvins „formalistischer“ Argumention zu tun, sondern wirkt etwas „angeklebt“. Es erschließt sich nicht aus der Logik des Ganzen.
Leider ist das immer wieder so. Die Argumentation ist teils unvollständig und wirr. Darum musste ich doch immer wieder auf andere Texte von ihm zugreifen, um nachzuvollziehen, was Yarvin meint. Woanders führt er seine Vision etwas weniger verwurstelt aus: Er will eine zentrale Autorität wie einen König. Es werden keine demokratischen Wahlen mehr durchgeführt, sondern wichtige Positionen durch Ernennungen auf Basis von Verdienst und Fähigkeit ersetzt. Idealerweise soll die Welt aus vielen, kleinen, autoritären Staaten bestehen. Die Bürger haben die Freiheit, von Staat zu Staat wechseln.
Allerdings wirkt das alles eher wie der Kiffertraum eines von der Welt beleidigten 16-jährigen, der sich für den Größten hält, als eine fundierte, politische Theorie. Zu viele Fragen bleiben offen. Warum sollten die jeweiligen Herrscher zulassen, dass die Bürger ihren Stadtstaat verlassen, wenn sie merken, dass er sich langsam entleert und droht, zusammen zu brechen?Warum sollten die Staaten klein bleiben und nicht versuchen, andere Staaten zu erobern? Warum sollten gerade Verdienst und Fähigkeit Leute in einem autoritären System nach oben bringen? Inwiefern zeigt das System der Monarchien in Europa im 19. Jahrhundert, das dort Gewalt unterdrückt wurde? Die Zeit damals war voll von Kriegen und Brutalität.
Viele Fragen, die er nirgends sinnvoll beantwortet.
Autoritäre Staaten sind keine Erfolgsgeschichte
Tatsächlich zeigen Studien und zahllose Beispiele, dass autoritäre Staaten in der Regel nicht gut funktionieren. Das riesige und durch Gas und Öl sehr reiche Russland unter Putin geht aggressiv gegen seine umgebenden Staaten vor, destabilisiert die geopolitische Weltlage und schafft es nach drei Jahren massivem Krieg immer noch nicht, die deutlich kleinere Ukraine zu besiegen. Die russische Armee funktioniert schlecht, weil sie zu hierarchisch organisiert ist, Putin trifft schlechte Entscheidungen, weil seine Leute sich nicht trauen, offen mit ihm zu reden. Korruption ist ein massives Problem in den meisten autoritären Staaten. Hierarchische Systeme sind zu starr und können nicht auf Entwicklungen reagieren. Wie an Trumps Kabinett sichtbar ist, werden da zu einem großen Teil nicht die Klügsten berufen, sondern Leute, die loyal sind und ihm nützen. Der Gesundheitsminister und Impfgegner Kennedy Jr. ist dafür ein leuchtendes Beispiel. Auch sind Bürger und Mitarbeitende in Unternehmen, wenn sie beteiligt sind und Einfluss haben, eher intrinsisch motiviert, also „von innen“ heraus. Und das lässt Systeme deutlich besser funktionieren. Es gibt viele Studien, die das nachweisen, wenn man schon dem gesunden Menschenverstand nicht glauben will. Nordkorea, Venezuela, Myanmar, Belarus, Turkmenistan, Eritrea, Syrien unter Assad, Sudan, Burundi, Usbekistan sind lauter Staaten, die autoritär geführt werden oder wurden und die nie gut funktioniert haben. Das ist nicht nur eine moralische Frage. Obwohl die eben auch entscheidend ist: Ich will jedenfalls nicht in einer Welt leben, in der Frauen, queeren Menschen, Arme, Arbeitende, Ausländer, Migranten und freiheitsliebende Menschen unterdrückt werden. Auch rein auf einer „technischen“ Ebene funktioniert das Führen eines Staates wie ein autoritäres Unternehmen in den meisten Fällen sehr schlecht.
Auch seine Kritik an der Demokratie zeigt, dass er entweder seinen Untersuchungsgegenstand nicht versteht oder die Wahrheit ihm egal ist. Er stellt Demokratie so dar, als würde alles und jede in Frage gestellt und umstritten sein. Demokratie sei insofern instabil. Tatsächlich leben wir aber in parlamentarischen Republiken mit Rechtsstaat und Gewaltenteilung. Und die gründet auf einem sehr realistischen Bild von Menschen. Sie gründet auf der Erfahrung, dass Macht korrumpiert und sich konzentriert, also Geld und Macht sich immer weiter anhäufen, weil wer Geld und Macht hat, hat auch die Mittel hat, immer mehr Geld und Macht zu bekommen. Und solche Gesellschaften, die sehr autoritär und ungleich sind, funktionieren schlechter. Solche Verhältnisse erzeugen Spannungen in der Gesellschaft, arme Menschen sind selten zufrieden mit ihrem Leben. Die Unterdrückung muss mit der Zeit immer stärker werden, je unzufriedener die Menschen sind. Irgendwann explodiert die Gewalt dann. Oder man lebt in einem totalitären Staat wie Nordkorea.
Es ist ja nicht falsch, solche Fragen zu diskutieren oder eine andere Meinung zu haben. Aber es ist falsch, auf solche Argumente zu bestehen, wenn sie ganz offensichtlich sachlich falsch und unmenschlich sind. So etwas entsteht, wenn Leute ihre Argumente nicht der Prüfung und Kritik durch andere aussetzen.
Die Wirrheit von Yarvins Texten führt ganz nebenbei dazu, dass seine Fans und er sich nicht festnageln lassen, auf bestimmte Aussagen. Das ist oft so, bei rechten Autoren. So kann man immer behaupten, dass diese oder jene Aussage nicht wirklich so gemeint war, man solle doch dieses Video, diesen Text, dieses Buch oder diesen Podcast auch noch hören, sehen oder lesen. Und so werden die eigenen Argumente nie wirklich in Frage gestellt. Sie entschlüpfen der Prüfung wie ein schlüpfriger, kalter Fisch.
Nochmal: Wenn du Gedanken wie die von Yarvin prinzipiell interessant findest, lies bitte auch kluge Autoren aus der politischen Theorie. Es gibt genug, die auch bei Rechten beliebt sind, wie eben Thomas Hobbes, oder auch Carl Schmitt und Macchiavelli. Sehr empfehlen würde ich auch meine Lieblingsautorin Hannah Arendt, die erklärt, dass das Fehlen von Politik zum Totalitarismus führt und gemeinsames, politisches Handeln das ist, was uns wirklich glücklich macht.
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