Darf man das fragen?

Darf man eine Person mit dunklerer Haut oder krauseren Haaren fragen: „wo kommst du her?“ Ich habe schon mehrere Male erlebt, dass diese und ähnliche Fragen ganz schlecht diskutiert wurden. Die Diskussion hat sich dann in genau zwei Pole aufteilt. Die einen sagen, man soll auf keinen Fall fragen, weil man die Person damit ausgrenzt. Die anderen meinen, man solle unbedingt fragen, weil, was soll der Quatsch? Ich finde es ja allgemein super, dass so was besprochen wird. Darum hier mein Versuch, die Diskussion zu verbessern.

Zum einen: Es ist weniger eindeutig, als die Schreihälse aller Seiten behaupten. Es gibt Leute mit Migrationsgeschichte, die haben nichts gegen die Frage. Andere stört sie. Das liegt daran, dass auch Leute mit Migrationsgeschichte unterschiedlich sind. Sie haben unterschiedliche Leben und Persönlichkeiten. Manche haben einen Masterabschluss, andere arbeiten auf dem Bau. Ihre Konten sind unterschiedlich voll, sie wohnen in verschiedenen Städten und Vierteln, sie haben verschiedene Geschlechter, Alter, gute oder schlechte Lebenserfahrungen. Die einen haben ein dickeres Fell, die anderen ein dünneres. Ich kenne Leute mit dunkler Haut, die Mitglied in der CDU sind und den ganzen woken Quatsch unsinnig finden und andere, die sich selbst in amerikanischem Englisch stolz als Person of Color (PoC) bezeichnen.

Das ist aber nicht wirklich ein Problem. Was mir beim Nachdenken darüber geholfen hat: Der Soziologe Aladin El-Mafaalani sagt, es komme sehr darauf an, in welcher Generation die Migrationsgeschichte liegt. El-Mafaalanis syrische Großmutter freut sich, wenn sie nach ihrer Heimat gefragt wird, weil sie noch viel damit verbindet und gerne davon erzählt. Heißt vielleicht auch, dass sie es schade oder sogar traurig findet, wenn sie das nicht gefragt wird. Mafaalani selbst stört die Frage ein bisschen, wenn sie an ihn gerichtet ist. Denn er wurde in Datteln im Ruhrgebiet geboren. Da ist die Frage ein wenig irritierend, aber er macht halt mit, weil er weiß, dass es selten böse gemeint ist. Seine Kinder werden aber sauer, wenn sie gefragt werden, wo sie herkommen. Mir selbst geht es ein bisschen wie ihm. Ich habe meine ersten zehn Lebensjahre zwar im Libanon verbracht, meine Mutter ist aber Deutsche. Wir haben zu Hause Deutsch gesprochen, ich bin mit zehn Jahren nach Pfullingen gezogen und kann mein schwäbisch nur mit Mühe verstecken. Da nervt mich die Frage halt. Andererseits weiß ich, dass sie selten böse gemeint ist, darum beiße ich deswegen niemandem den Kopf ab. Manchmal ist sie allerdings doch böse oder ignorant gemeint. „Moo kommsch Du her?“, habe ich beispielsweise auf dem Bau gehört. Der Fragende wusste dann auch gleich, wer und wie ich bin, weil er weiß, „wo ich herkomme“. „De Fraua hend bei euch zum spura, gell? HAHAHA!!!“

Meine Lösung für das Problem: Es gibt keine fertige Formel. Aber das ist nicht schlimm. Einerseits ist es eine gute Sache, ein bisschen aufzupassen, weil man Leute in bestimmten Situationen ein schlechtes Gefühl gibt, wenn man so tut, als kämen sie von einem anderen Planeten. Vor allem bei denen, die schon seit mehreren Generationen in Deutschland sind. Da wäre die Frage „wo kommt deine Familie her?“ vielleicht besser, wenn man so gerne mehr über die Person erfahren will. Gleichzeitig kann es schade sein und sich sogar isolierend anfühlen, wenn eine Person aus Angst vor Fehlern nicht nach der eigenen Geschichte befragt wird. Das wirkt dann, als würde sich keiner an so wichtigen Dingen wie der eigenen Sprache, dem eigenen Essen, der eigenen Biografie interessieren.

Wenn man jemanden gar nicht kennt, ist es vielleicht besser, nicht als allererstes nach der Herkunft zu fragen. Es gibt ja auch noch andere Dinge, über die man reden kann. Ansonsten lohnt es, sich hier ein wenig locker und achtsam zu machen. Das geht gleichzeitig. Bei Leuten wie Mafaalanis Mutter kann es sein, dass sie dich zum Falafel essen einlädt, wenn du sie nach ihrer Geschichte fragst. Oder es geht halt ein bisschen schief. Dann ist das auch ok, solange Du nicht mit 120 km/h unterwegs warst.

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