Ich

 Schlüsselmacher von Beruf

Bildungsmäßig und auch sonst wusste ich früher nicht viel. Ich hatte immer schlechte Noten und ansonsten ständig das Gefühl falsch zu sein. Sobald man in dieser Lage eine größere Erkenntnis hat, fühlt das sich schnell an wie eine Riesenerleuchtung, die schnellstens der Welt mitgeteilt werden muss. Man kann dann wohl auch gar nicht sehr viel anders, als ein ziemlicher Klugscheißer zu werden. Wie es dann so kommt, erschöpfte sich sehr bald die Strahlkraft der jeweiligen Erkenntnis, und die nächste große Wahrheit musste folgen. Meine erste Erleuchtung hatte ich als glühender, kiffender Anarchist mit Weißemittelklassedreadlocks. Die Welt wollte aber leider die von mir angebotene Befreiung nicht. Also zog es mich nach Innen, und ich versuchte mich selbst zu befreien. Das ging einige Jahre, ich rezitierte Mantren, redete mit sehr unterschiedlichem Erfolg zu Gott. Leider sprach der bis auf eine gelegentliche Umarmung und dem Gefühl, dass mich jemand hört, nicht zurück. Und da Gott letztendlich eine gnadenlose Wahrheit ist, die keine andere neben sich zulässt, verirrte ich mich schrecklich auf diesem Weg nach Innen. Das lösen von Gott und so war dann wieder eine Befreiung. Ich begann, trotz der Weisungen meiner Meditationslehrer und Esoterikbücher dann doch, das was sie „verkopftes Zeug“ nannten, zu lesen. Philosophie, und Ideen darüber wie wir und die Welt funktionieren. Überraschenderweise bemerkte ich, dass die Erkenntnisse, die ich dabei bekam zwar nie alles erklärten, aber im Gegensatz zu den Erleuchtungen der Gurus behaupteten sie das auch nicht. Und doch fühlten sie sich tiefer an als jeder Frieden, den ich beim Mantrensingen gefühlt habe. Von Hume lernte ich, dass das Denken begrenzt ist, und dass man trotzdem mit diesem einen Kopf denken soll. Von Nietzsche lernte ich, dass man nicht leiden muss um gut zu sein. Von Marx lernte ich, dass Ich und Welt eins und veränderbar sind (tatsächlich und nachvollziehbar eins, nicht theoretisch, wie man es beim meditieren erfahren will).

 Dann ging ich für zwei Jahre auf Reisen und fand mich überraschenderweise selbst. Das war dann kein eigentliches Selbst, das man nur in Abwendung von der Welt findet. Im Gegenteil: Das war jemand, für den das Schreiben die stärkste Waffe gegen das ganze Elend ist, denn es verbindet das Innen mit dem Außen. Mal wieder dachte ich, ich hätte etwas Besonderes zu erzählen, darum las und schrieb ich fünf Jahre lang in ätzenden Nachtschichten. Diese großen Denker, die Unmengen anderer großer Denkerinnen bis in die Tiefe kannten, bezauberten mich weiter. Allerdings fühlte ich mich wie jemand der einen Schlüssel hat, aber das Schlüsselloch nicht finden kann. Das Gefühl nicht weiterzukommen verursachte irgendwann bei mir Panik. Also musste ich sehr spät doch noch das Abitur nachmachen (ich konnte es und bin sehr froh darüber). Nun schreibe ich gerade meine sozialwissenschaftliche Masterarbeit an der HU und bin sehr froh darüber.

Der Schlüssel in meinen Händen passt nun besser, auch wenn er immer weiter zurechtgeschliffen werden muss. Ob der letztendlich in die Welt passen wird, weiß ich nicht wirklich. Ich schreibe regelmäßig für Zeitungen. Ich habe nie genug Geld und nie genug Zeit, aber die Liebe zum Denken, zum Schreiben und zur Welt ist geblieben. Ich versuche mit jedem Text einen Schlüssel zurechtzuschleifen, der zumindest für mich ein Erleuchtungserlebnis erzeugte und hoffe, dass diese jeweilige Perspektive auch für andere hilfreich ist.

 

bild 2

8 Antworten zu “Ich

  1. Einen vergleichbar beeindruckenden Beitrag über mein Leben kann ich leider nicht schreiben…

    Doch Deinen finde ich hochinteressant und ich bin sehr gespannt darauf hier im Blog zu lesen 🙂

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  2. Thomas Vogel

    Hallo Houssam,

    schöner Weg, den Du gehst! Ich hoffe, Dich treffen noch weiterhin solche Erleuchtungen, dann können wir weiterhin so viel Lichtes lesen. Ich habe nämlich gerade Deinen Artikel in der taz gelesen (Das schönste Gefühl der Welt) – toll. Und Du erwähnst eine Fahne, die Du entworfen hast. Gibts die irgendwo zu sehen?

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  3. Britta Reimann

    Hallo Houssam,
    Hast mein Weihnachten gerettet.
    Von der taz – wer hat den geilen Artikel (das schönste Gefühl der Erde) nur geschrieben? – hier gelandet.
    Mir geht’s nun besser als vorher, dein Verdienst. Danke!

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